ausserdem kann man ganz easy mit dem programm"finereader" von abby pdf dateien so auslesen das man reinen text enthält also...
@threadstarter falls es nicht erwünscht ist einfach schreien
das is der text für alle faulen!
Juli 2003
Für die Jungs
Matthias Nibler
Der letzte Sommer des Status Quo
Roman
http://myspace.com/matthiasnibler
I – Zweifelhafte Entscheidung
Meine Augen öffnen sich. Ihre Hand ist verschwunden. Gerade eben noch fühlte ich die unbeschreiblich zarte Haut ihrer Arme, als ich mit meinen Fingern über sie strich. Gerade eben noch lächelte sie mich an. Ich kann nicht glauben, dass das vorbei ist. Ich kann nicht glauben, dass es Vergangenheit ist. Ich kann nicht glauben, dass es niemals passiert ist. Und dann erinnere ich mich, während ich an die Decke über mir blicke, die die Morgensonne in goldenes Licht taucht. Es ist schon einmal passiert, aber das ist lange her. So lange, dass die Erinnerung daran verblassen und letztlich irgendwann verschwinden wird. So wie der Traum, den ich vor wenigen Sekunden noch hatte. Ich lasse meinen linken Arm über den Rand des Bettes baumeln, um nach der Fernbedienung meines CD-Players zu suchen. Gestern Abend hab ich sie doch da unten irgendwo hingelegt! Während meine Hand den Boden abtastet, versuche ich, in Gedanken den Ablauf meines wunderschönen nächtlichen Ausflugs in die traumhafte Welt der Sehnsüchte zu rekonstruieren. Was hat sie heute Nacht zu mir gesagt? Ich habe Meeresrauschen gehört. Das Meer… Ganz sachte jenseits des kleinen Gartens, den man vom Inneren des Strandhauses aus erblicken konnte, in dem wir uns befanden. Der Himmel war orange gefärbt, die Sonne ging gerade unter. Meine Süße trug einen blütenweißen BH. Ich sah sie an und fragte sie, ob das alles tatsächlich geschehe. Ohne ihre geschmeidigen Lippen dabei zu bewegen, gab sie mir zu verstehen, dass es darauf nicht ankäme. Nur im Traum versteht man sich auch ohne Worte. Damals, als vieles davon in der Realität passierte, konnte Unausgesprochenes alles zerstören. Als ich aber gerade geschlafen habe, ging es nur um den Moment, und nur um uns beide. Früher zählten wirklich nur die Augenblicke. Und jetzt liege ich hier. Allein. Ich habe die Fernbedienung in der Hand. Aber ich bin zu spät dran. Ich kann keine Musik mehr hören, denn nachdem ich die Stereoanlage eingeschaltet habe, erinnert mich der
Radiosprecher daran, dass es kurz nach 7 Uhr morgens ist, und heute ist immerhin noch Schule. Auch wenn wir Mitte Juli haben, und keiner der Lehrer wirklich was mit uns anzufangen weiß - die Anstalt hat geöffnet, also müssen wir da auch rein. Bin ja mal gespannt, wohin man uns heute schleppt. Unter dem Deckmantel der Exkursion werden dann wieder 30 arme Teenager von ihrem Lehrer hirtengleich durch die Stadt getrieben und an irgendeinen bescheuerten Ort geführt, um dort etwas fürs Leben zu lernen. Und das im heißesten Sommer seit 50 Jahren. Ich stehe auf. Es ist viertel nach 7, und das Außenthermometer neben meinem Fenster sagt mir, dass die 20 Grad-Grenze bereits überschritten wurde. Also heute mal wieder keinen Pullover. Dann eben das T-Shirt aus dem Schrank gezogen und ab unter die Dusche mit mir! Während ich mich erfrische, denke ich an die Küsse, die sie mir heute Nacht gegeben hat. Wie zärtlich sie waren, so scheu und gleichzeitig voller ungestümer Leidenschaft. Wie ich sie mal mit Erdbeeren fütterte. Und wie sie danach nach ihnen geschmeckt hat. Mich überkommt die nur zu gut vertraute Melancholie. Die Sehnsucht. Die Gewissheit, dass etwas fehlt. Nach der Dusche kommt Teil zwei des Morgenrituals. Rasieren, Zähne putzen, Haare stylen. Ich sehe in den Spiegel, und mir gegenüber steht derselbe schlanke 17-jährige wie immer. Ein Meter Siebzig groß, nicht übermäßig hässlich, nicht übermäßig hübsch. Mit Haarwachs nach oben getrimmte, dunkle Haare, eine randlose Brille auf der Nase. Das Deo ist wichtiger denn je. Wenn ich durch das Fenster blicke, kann ich ja förmlich schon den Asphalt schmelzen sehen. Schweißband um das rechte Handgelenk, Uhr um das linke. Ich denke ständig nur an sie. Wann soll das denn jemals aufhören? Hoffentlich im Herbst. Spätestens.
Es ist kurz nach halb 8 und jetzt müsste ich mich eigentlich schon schicken. Aber heute werde ich in der ersten Stunde eine Ausrede haben, sollte ich tatsächlich zu spät kommen. Hoffentlich klappt alles. Zügigen Schrittes bewege ich mich
durch unsere kleine Wohnung in die Küche. Dort auf dem glatten, kühlen Plastiküberzug des Tisches liegt ein Zettel. Ich hole meinen Rucksack aus meinem Zimmer und werfe den Abschnitt hinein. Der Discman wird eingeschaltet, und sobald die Ohrstöpsel in meinem Gehörgang fixiert sind, isoliere ich mich wieder ein wenig von der realen Welt. Natürlich höre ich keine aktuelle Musik. Zu der habe ich keinerlei Bezug. Alles, was die Rotation durchläuft, wurde vor 2 oder 3 Jahren veröffentlicht. Ich könnte mich mit dem komplizierten Hintergrund meiner Abneigung gegenüber aktueller Musik beschäftigen, aber das muss jetzt nicht auch noch sein. Es ist 20 vor 8. Ich muss langsam echt mal los. Niemand ist da, um mir Tschüss zu sagen. Natürlich nicht. Mein Vater und meine Mutter sind in der Arbeit. Aber ich bin ja nur geschätzte 5 Stunden in der Lehranstalt, ein Abschied wäre da nicht angebracht. Also, was soll’s. Je weniger Menschen mit einem reden, desto leichter ist es, sich fort zu träumen. Sich zurück zu träumen. Die Welt verschwinden zu lassen. Aber leider Gottes dreht sich die Zeit nicht rückwärts, nur weil man die Augen schließt. Leider Gottes kann man nicht in die Vergangenheit springen, nur weil man mit der Gegenwart nicht zufrieden ist. Leider kann man Geschehenes weder rückgängig machen, noch wiederholen. Somit ist alles, was mir bleibt, die Erinnerung. Kostbare Erinnerung. Und die wird durch die Musik verstärkt, die ich höre. Dadurch ist es dann beinahe wie früher, wenn ich mich auf mein Fahrrad schwinge und in die Schule fahre.
Ich stelle mein geliebtes Fortbewegungsmittel bei den Fahrradständern ab. Wie oft hab ich minutenlange Querelen mit den Drahteseln der anderen Schüler gehabt, die sie neben meins gepflanzt hatten, sodass sich die Lenker ineinander verkeilten. Während schlimmster Wolkenbrüche, mit einer quietschgelben Regenhaube auf dem Kopf, die mir Mutti gekauft hatte, zog ich dann mein Bike unter der überdachten Abteilung heraus, kämpfte dabei mit den Nachbarzweirädern
und war somit schon vor dem ersten Tritt in die Pedale pitschnass geworden. Das alles werde ich so in dieser Form nie wieder erleben müssen, schätze ich. Ich sehe auf die Uhr. Es ist 5 Minuten vor 8. Keine Nervosität. Ich bin noch nie zu spät zur Schule gekommen, noch nie in meinem ganzen Leben. Ich achte normalerweise immer auf die Zeit. Heute möchte ich das mal bleiben lassen, denn ich werde ja eine Entschuldigung haben. Ich werde sagen, dass noch andere vor mir drangekommen sind. Die Lehrerin wird fragen wobei und wieso. Dann werde ich es erzählen. Und meine zwei Kumpels aus der Klasse werden es auf diese Art erfahren. Klingt für mich nach einem todsicheren Plan. Ich habe an alles gedacht. Und ich kenne Frau Ullrich. Unsere Lateinlehrerin hakt ständig nach, will immer alles wissen. Unwissenheit bringt sie um. Das zieht so ein Fach wie Latein wohl mit sich. Und nur am Montag haben wir sie in der ersten Stunde. Die anderen Lehrer würden sich wohl jetzt, Mitte Juli, nicht mehr darüber aufregen, dass ich zu spät bin. Aber sie schon. Deswegen gehe ich heute hin. Ich hoffe nur, es klappt auch alles so, wie ich wollte. Schweißperlen stehen auf meiner Stirn. Ein Tropfen läuft herunter und bleibt an meinem Brillenglas haften. Es ist jetzt schon unsagbar warm. Ich blicke in den Himmel. Keine einzige Wolke, die in absehbarer Zeit Abkühlung verschaffen könnte. So wie ich das sehe, wird es mindestens bis Mittag keinen angenehmen Sommerregen geben. Super. Ich putze meine Brille mit meinem T-Shirt und denke darüber nach, wie sehr diese Schule Teil meines Lebens gewesen ist. Hier bin ich gestiegen, hier bin ich gefallen. Hier habe ich geliebt und gehasst. Hier wurde ich gemocht und verachtet. Hier wurde ich nieder gemacht und gelobt. Ich kann nicht sagen, dass ich mein Gymnasium liebe, aber es ist ein Teil von mir. Sieben Jahre lang war ich beinahe jeden Tag hier. Widerwillig gehe ich auf den Haupteingang zu, der mich mit seinen riesigen gläsernen Türen, die nach außen hin geöffnet sind, begrüßt. Komm nur herein, du kennst dich ja aus…
Und da ist sie wieder, die Schulaula/Pausenhalle. Es ist schön kühl hier drinnen, der Geruch fühlt sich in der Nase an, wie er es 5 Sommer über getan hat. Den 6. Herbst werde ich meinem Riechkolben wohl verwehren müssen. Ich denke an den kleinen Abschnitt in meinem Rucksack. Eine Ära geht zu Ende. Ist das die richtige Entscheidung? Fälle ich sie aufgrund der richtigen Überlegungen? Ich bin leicht angespannt und versuche, mich in Gedanken zu beruhigen. Du hast länger darüber nachgedacht als über irgendwas anderes jemals. Du hast eine Entscheidung getroffen. War doch klar, dass es schwer werden würde! Trotzdem - du musst das jetzt durchziehen! Eigentlich muss ich einen Scheiß. Nur irgendwann sterben. Und ab und zu heulen, wenn ich an bestimmte Erlebnisse in meiner Vergangenheit denke. Aber der kleine Zettel, der zwischen den letzten Schulbüchern und Heften in meinem Rucksack herumpurzelt, kann auch verschwinden, ohne dass ich großartig jemand anderes davon erzählen müsste. Scheiß die Wand an? Keine Ahnung! Meine Mutter würde das auf jeden Fall verstehen, sie vertraut mir. Vielleicht wird sie es kommen gesehen haben. Aber ich sollte mal damit aufhören, die große Treppe in Richtung Sekretariat hoch zu stapfen, wenn ich die ganze Aktion wirklich abblasen will. Tja, will ich das überhaupt? Mein Herz schlägt schon schneller, das kann kein gutes Zeichen sein. Ich kann immer noch umkehren und ins Klassenzimmer gehen. Dass ich einmal zu spät gekommen bin und keine Entschuldigung parat habe, mein Gott! Dafür kannst die Wand anscheißen, ist doch egal! Nur weil ich einmal zusammen gestaucht werden könnte, sollte ich das große Ding jetzt nicht durch ziehen, wenn ich Zweifel an dessen Richtigkeit habe. Verdammt, wieso muss ich auch diese Zweifel haben? Ich war mir so sicher. Bis jetzt, da ich vor dem Sekretariat stehe und mir überlege, ob ich da reingehen soll oder nicht. Ich höre hohe Absätze hinter mir auf den glatten Marmorquadern, die den ersten Stock pflastern. Das ist bestimmt die Sekretärin. Zur Sicherheit drehe ich mich noch einmal um. Nein, doch nicht. Schlimmer! Es ist Frau
Ullrich mit einem Stapel Blätter in der Hand. Sie kommt auf mich zu und hat schon wieder diesen krassen Gesichtsausdruck drauf. Sie überlegt sich bestimmt schon Phrasen, wie sie mich am besten zusammenscheißt. Okay, ich muss es mit der Schlampe aufnehmen. Ich schaffe das. Wäre doch gelacht! Sie ist die einzige Lehrerin an dieser Schule, die hübsch ist. Trotzdem ist sie ein verdammtes Miststück. Ich lass mich von ihrer Schönheit nicht einspinnen. Grausame Dualität! Gleich wird's massive Probleme geben. 3 Meter. Sie öffnet leicht ihren mit Lipgloss bestrichenen Mund, der in ihrem makellosen Gesicht sitzt wie eine geile Jungfrau in einer Muschel. Wie Mindy in dieser einen Folge der >Simpsons<. Die Ullrich trägt einen schwarzen Rock und schwarze High Heels, die man auch in 3 Kilometer Entfernung noch hören könnte, so laut wie die Teile sind. Mann, wenn ich die Frau nicht so hassen würde, würde ich sie echt geil finden. Ich beiße die Zähne zusammen. Sie bleibt vor mir stehen. Meine Augenbrauen verziehen sich zu einem fragenden Gesichtsausdruck. Wir nehmen Blickkontakt auf. Sie setzt an. „Felix, wieso bist du denn nicht in der Klasse? Du weißt schon, dass wir jetzt Unterricht haben, oder?“ Was’n das für ne bescheuerte Frage? Ich hab eine verdammte Uhr an meinem Handgelenk, hinter mir haben sie eine an die Wand getackert und man kann sowieso keine 10 Meter durch diese Schule gehen, ohne auf mindestens 3 verschiedene Uhren zu treffen! Die sind eine verdammte Plage! Natürlich sage ich das nicht. Ich will keinen Stress. „Muss noch da rein.“ Ich zeige auf die Türe des Sekretariats. „Ach so.“ Es dauert eine Sekunde. “Warum?“ Ich schnaufe durch. Verdammt, sie bringt meinen ganzen Plan durcheinander. Ja, wieso nur? Ich hatte den Scheiß richtig schön perfekt geplant. Wieso muss ich es ihr jetzt erklären, wo meine beiden Jungs nicht in der Nähe sind, um es mitzubekommen? Wieso kann ich es nicht vor der gesamten Klasse sagen müssen? Ha, bestimmt durchschaut sie mich. So ein blödes Miststück! Sie hat mich gesehen und wusste, was
ich vorhatte. Sie kennt mich, Fuxi und Domi. Sie weiß, wie nahe wir uns stehen. Ich sollte aufhören, zu fantasieren. Meine Lateinlehrerin wartet ungeduldig auf eine Antwort. Wenn ich noch länger brauche, kippt sie auf den 6 Zentimeter Absätzen um, bricht sich das Genick - und ich bin schuld. Na ja. Wäre mir eigentlich egal. Okay, los geht’s.
„Abmeldung abgeben.“
Die Ullrich steht vor mir, wirkt leicht konfus und irgendwie glaube ich sogar, Kränkung in ihrer Mimik zu erkennen. Ist aber sicherlich ein Trugschluss. Jemand, der, um die Schüler zum Lernen zu bringen, jede Lateinstunde eine Stegreifaufgabe schreibt (wie im April und Mai von ihr knallhart durchgezogen), der kann keine Gefühle haben. Da ist Kränkung nicht drin. Sie ist ein Karrieretier. Oder ein Arbeitstier. Auf jeden Fall aber ein Tier. „Du willst dich von der Schule abmelden?“ Was hab ich denn gerade gesagt?
Die Tussi macht mich wahnsinnig. Aber um dem Ganzen ein Ende zu setzen, nicke ich bestätigend. Ich hoffe eigentlich, dass sie dadurch von dannen zieht und mich endlich die ganze Sache hinter mich bringen lässt. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Jetzt hab ich’s ihr erzählt. Jetzt muss ich’s auch tun. Obwohl… nein, muss ich eigentlich nicht. Kann ja auch nur eine super Ausrede dafür sein, dass ich zu spät gekommen bin, weil ich im Park noch Gras geraucht hab. Das hab ich eigentlich noch nie gemacht. Ich sollte mich mal um entsprechende Connections kümmern. Jedenfalls scheint die Ullrich abgefertigt zu sein.
„Na dann, mach mal. Aber trotzdem sind für dich noch keine Ferien, gell? Sobald du fertig bist, kommst du schnurstracks zu den anderen in die Klasse.“
Ich nicke und schicke ein „Klar!“ hinterher. Die Lateindomina sieht mich ein wenig abschätzig von der Seite an und stöckelt die Treppe hinunter. Ich habe nicht darauf geachtet, ob sie in ihrer Hand einen Packen Stegreifaufgaben oder Übungsblätter
hat. Ist mir sowieso egal. Ich kann in Latein keine 5 mehr ins Zeugnis geschrieben bekommen, egal wie viele miese Noten ich in der letzten Woche vor Notenschluss noch ansammle. Wir haben gerade mal noch 3 Stunden Latein vor Ende der Frist Mitte nächster Woche. Jedenfalls glaube ich, dass es nächste Woche soweit ist. Ich hab nicht nachgefragt. Auf jeden Fall wären das theoretisch noch 3 Noten, und ich hab das schon ausgerechnet. Ich bin aus dem Schneider, ich kann nicht mehr durchfallen. Weder in irgendeiner Sprache, noch in den verhassten Naturwissenschaften. Also ab ins Sekretariat. Als ich die Türe öffnen will, kommen mir zwei kleine Mädchen entgegen. Die eine davon sieht grauenhaft blass aus. Da scheint jemand noch viel länger und öfter Play Station gespielt zu haben, als ich. Das verdient Respekt und Neid! So blass kann man doch bei dem Wetter draußen gar nicht sein! Wenn man sich nur 10 Minuten an die frische Luft wagt, wird man schon brotbraun gebacken. Das andere Mädel, das ein wenig gesünder aussieht, stützt die Leiche. Anscheinend ist sie krank. Na dann mal lieber schnell ausgewichen, ich hab keine Lust auf Sommergrippe. Mit einem geschickten Schritt zur Seite (ja, ich hatte mal Tanzkurs!) befreie ich mich aus der Bakterienzone und husche ins Seki. Die liebe Empfangsdame, die mich all die Jahre hindurch immer wieder nett begrüßt und nett verabschiedet hat, wenn ich irgendein Anliegen hatte, steht an der Empfangstheke und telefoniert mit unserem Hausmeister Willy. Anscheinend muss er mal wieder Kotze aufwischen. Das blasse Mädel von vorhin hat wohl auf ihren Tisch gereihert. Willy wird sich freuen. Frau Müller, die gerade telefoniert, lächelt mich kurz an, um mir klar zu machen, dass sie „Hallo“ sagen würde, hinge sie nicht gerade an der Strippe. Ich flüstere eine Begrüßung und warte brav einen Meter von ihr entfernt. Ein Ventilator erfrischt die Luft. Könnte ich mir für zu Hause auch mal zulegen. Was für ein Gefühl das ist!
Telefonat beendet. Sie legt auf und sieht mich fragend an: „Ja,
bitte?“
Ich setze an, bin nervös wie die Sau und verhaspele mich bei dem längsten Satz, den ich seit Wochen gesagt habe, geschätzte 500 Mal. „Ich hab hier die Anmeldung dabei, ich meine die Abmeldung, ich will mich abmelden, für das nächste Schuljahr, ich geh runter auf die… auf die Fachoberschule geh ich, ja. Ab… eben ab Herbst.“ Währenddessen fällt mir ein, dass ich vielleicht mal besagten Wisch aus meinem Rucksack holen sollte, also murmele ich den letzten Teil des Satzes in die Tasche hinein, während ich herumkrame und mich, wie gesagt, ständig verspreche. Mir müsste mal jemand beibringen, wie man sich cool benimmt. Zack, da ist er. Gefunden. Das Blut, das in meine Birne gesackt ist, weil ich mich nach unten gebeugt habe, vermischt sich mit dem Blut, das vorher schon da rein geschossen ist, weil ich nervös bin. Mein Kopf muss gerade ziemlich glühen. Das wollte ich eigentlich alles lässiger über die Bühne bringen. Jedenfalls - das Wichtigste ist geschafft, ich habe es ausgesprochen und die Bestätigung meiner Abmeldung, schön leserlich von meiner Mutter unterzeichnet, liegt zwischen mir und Frau Müller auf der Theke. Die Dame nimmt den Abschnitt an sich, legt ihn ab, schreibt sich einen kleinen Zettel mit Notizen auf und bringt es fertig, im selben Moment, in sauberem, gut verständlichen Deutsch - mit einer liebevollen Tonlage ausgestattet - weiter mit mir zu kommunizieren. Frauen können eben Multi-Tasking. „In Ordnung, Felix. Somit sind Sie also ab September 2003 nicht mehr Schüler unseres Gymnasiums.“ Mein Gesicht fühlt sich an, als hätte es wieder die normale Farbe bekommen. Ich bin ehrlich. „Okay. Komisches Gefühl.“ Mütterlich beugt sie sich ein wenig herüber und spricht mir Mut zu: „Keine Sorge. Ich bin mir sicher, Sie werden Ihren Weg gehen. Vergessen Sie nur nicht, was Sie hier gelernt haben und behalten Sie uns in guter Erinnerung.“ „Das werde ich!“ Das werde ich wirklich. Ich lächle. Wir schütteln uns die Hände. Ich ziehe den Reißverschluss meines
Rucksacks zu und nehme ihn mit. Bevor ich mich nach draußen begebe, drehe ich mich noch einmal um und werfe einen letzten Blick in ‚mein’ Sekretariat.
Ich habe kaum den Raum verlassen, da herrscht in meinem Denkapparat schon wieder heftigster Trubel. Ich frage mich die ganze Zeit, ob das die richtige Entscheidung war. Wieso wollte ich eigentlich hier weg? In diesem Moment weiß ich es gar nicht mehr. Mir ist nur bewusst, dass ich mich langsam mal zum Klassenzimmer bewegen sollte. Es ist bereits Viertel nach 8. Automatisch latsche ich in den Trakt mit den Räumen für unseren Jahrgang. Ich komme zwar zu keinem klaren Gedanken, aber einfach über das tolle Wetter oder die bescheuerten kleinen Kinder aus der Fünften nachdenken gelingt mir ebenso wenig. Ich bin einfach konfus. So konfus, dass ich schon ernsthaft in Betracht ziehe, dass die restliche halbe Stunde Latein meinen ‚Gedankenstrahl’ in eine eindeutige Richtung hämmern könnte. Wie bescheuert. Latein hat noch nie dabei geholfen, wichtige Entscheidungen zu treffen. Es sei denn, sie gingen darum, dieser toten Sprache irgendwie zu entgehen. Seit der 7. Klasse habe ich - mal mehr, mal weniger ernsthaft - versucht, einen Draht zu Deklinationen und Konjugationen zu finden. Habe die Endungen der Hauptwörter in den verschiedenen Gruppen gepaukt, als sei ich ein Mönch in einem Kloster. Nichts half. Nach dem Latinum, also dem Aufbau eines gewissen Grundwortschatzes, den ich natürlich niemals auch nur annähernd im Dachstuhl meines Oberstübchens platziert hatte, wurde es sogar noch schlimmer. Da kamen dann die Geschichten von den großen römischen Kriegen. Der ganze Scheißdreck hat mich nicht interessiert, denn für mich war Rom nach wie vor nur eine italienische Stadt. Das große römische Reich hat ja mit dem heutigen nur noch den Namen und die Gullydeckel gemein. Von daher ist mir das einfach scheißegal. Oha! Bin ich schon bei der Tür. Ging ja schnell. Ich bin unbewusst Treppen gestiegen. Und nicht hingefallen. Heute werde ich garantiert
nicht sterben. Kurzer Check, ob an mir auch alles richtig sitzt und der Reißverschluss meiner Jeans brav oben ist. Gut, das wäre geklärt. Einmal pro forma anklopfen und hinein in die gute Stube.
Frau Ullrich, dieselbe Tussi, die mir vorhin jene delikaten Informationen aus dem Bauch geleiert hat, ist wieder völlig in ihrem Element. Sie quetscht vorne, nahe dem Pult bei der Tafel, einen Schüler aus. Einen, den ich sehr gut kenne. Es ist Dominik, der sarkastisch-zynische Gegenpart zu mir. Das zweite Drittel unserer Clique. Ich gehe zu meinem Platz. Als ich mich neben Dominiks leere Hälfte des glatten und traumhaft kühlen Holztisches setzen will, schallt es an mein Ohr: „Nicht so schnell, wo warst du denn die ganze Zeit?“ Ist das Domi? Dann hat ihm gestern ein Pitbull die Eier zerfetzt. Ich drehe mich um. Domi kann es nicht gewesen sein, dafür schaut er zu desinteressiert. Es war die Ullrich. Scheint Alzheimer zu bekommen. Trotzdem kann ich einen gewissen Unterton nicht vermeiden. „Auf dem Sekretariat? So wie ich gesagt habe, als sie mich vor 10 Minuten da gesehen haben. Sie wissen schon… sie hatten einen Stapel Blätter in der Hand und ich stand vor ihnen. Direkt vor der Tür des Sekis!“ Oha. Ein Stapel Blätter! Das löst freilich nervöse Unruhe unter meinen Klassenkameraden aus. Carsten legt sogar sein Motorradmagazin zur Seite. Die Lehrerin registriert die Aufregung selbstverständlich und blickt mich böse an. Anscheinend habe ich da ein kleines Geheimnis verraten, das erst wenige Minuten später mit dem Satz „Dann schiebt mal die Tische auseinander!“ hätte gelüftet werden sollen. Sofort werden Lateinbücher aufgeschlagen und in stiller Panik irgendwelche Vokabeln gepaukt. Die Streber aus der ersten Reihe hingegen sind wie immer ganz cool. Sie drehen sich nur um und genießen hämisch grinsend das Spektakel, das sich ihnen bietet. Natürlich haben sie für heute gelernt. Wie sollte es auch anders sein? Ich hingegen stehe immer noch wie angewurzelt da. Ich setze mich erst, wenn die ganze Situation
ausgerangelt ist. Anscheinend hat sie sich in den Kopf gesetzt, unsere kleine Konversation von vorhin zu übergehen, damit sich niemand wundern muss, wieso gerade sie - die penibelste geile Sau der Welt - meine Verspätung so konsequent übergeht. Natürlich ist das so. Aber ich lasse mir doch nicht die Gelegenheit entgehen, meine Lateinlehrerin dumm dastehen zu lassen. Immerhin lässt sie mich jedes Mal auflaufen, wenn sie mich ausfragt, oder wenn wir eine Ex bzw. Schulaufgabe schreiben. Selbst beim Vorlesen von lateinischen Gedichten mit diesen verschissenen Hebungen und Senkungen in der Betonung schafft sie es jedes Mal, mich lächerlich zu machen. Schule ist ein ewiges Geben und Nehmen. Sie gibt mir die Möglichkeit, ihr den Schrecken zu nehmen, den sie verbreitet. Im Gegenzug gebe ich ihr den Anlass, abends eine Valium oder ein Glas Rotwein mehr zu nehmen. So war es früher und so wird es immer sein. Na gut, meistens gebe ich ihr falsche Antworten und sie nimmt mir die Chance auf eine gute Note. Aber in diesem Moment sind die Fronten klar. Und gleichzeitig die Siegeschancen. Meine Antwort wird ignoriert. Das ist wie die weiße Fahne auf dem Schlachtfeld. Sie ist es leid, zu kämpfen. Sagt ausschließlich in einem kläglich gescheiterten Versuch, autoritär zu wirken: „Das möchte ich nicht noch einmal haben. Wenn du etwas zu erledigen hast, dann mach das gefälligst in der Pause.“ Ich nicke, werfe meinen Rucksack auf den Tisch und pflanze meine vier Buchstaben auf den harten Stuhl. Vor mir ist natürlich - wie immer - ein leerer Platz. Fuxi braucht eine Menge Ablagefläche für die perfekte Anordnung seiner Schreibutensilien. Er ist in jeder Stunde auf jede Form von Tafelanschrift vorbereitet. Sei es ein Kreis, ein Viereck, eine Tabelle oder eine Karikatur. Seine Hefte, solche, wie man sie für Ordner verwendet, müssten nur eingescannt, auf DinA5 gezogen und gedruckt werden - sie wären perfekte Lehrbücher, so übersichtlich und aufwändig gestaltet sind sie.
Fuxi sieht mich an, während ich mich setze. Wir nicken uns
gegenseitig als Begrüßung zu und verfolgen gespannt Dominiks Minuten der Wahrheit. Der Rest meiner Mitschüler und Mitschülerinnen ist nach wie vor in ängstlicher Erwartung auf das, was da noch kommen mag. Sie sitzen über ihre Bücher und Hefte gebeugt und büffeln, was das Zeug hält. Ich und Fuxi glauben kaum, dass wir heute noch eine Ex schreiben. Und wenn ja, dann erwischt uns die Ullrich eben eiskalt. Was soll’s. Fuxi ist in Latein ein Ass und ich bin bald weg. Aber das weiß er ja noch nicht. Genauso wenig wie der eingeschüchterte Schüler da vorne, dessen Aufgabe es ist, einen Text über irgendeine Schlacht zu übersetzen. Dominik wischt sich über die Stirn. Ist es die Hitze, die Sonne, die durch die Fenster auf sein Gesicht knallt, oder seine Unfähigkeit? So wie er stammelt, ist es letzteres. Wenigstens sind seine Versuche relativ lustig. Seiner Übersetzung nach gibt es in Rom ein Haus, um das Fische schwammen, als irgendein Togaträger seine Geliebte flach gelegt hat. Ist natürlich alles möglich. Ich selbst habe mir den Scheißdreck gestern nicht zur Gemüte geführt. Ich bin ins 7. Level bei meinem aktuellen Lieblingsspiel gekommen - aber auch wirklich nur so weit, denn es war so scheißschwer, dass ich es nicht einmal nach 3 harten Stunden Übung fertig gebracht habe, die gegnerischen Elitetruppen auszuschalten. Davon muss ich Fuxi unbedingt noch erzählen. Damit er gleich weiß, was am Donnerstag auf ihn zukommt. Lässig sitzt der schlaksige 1,80 Meter Hüne rechts vor mir und kratzt sich am Ohr. Seine kurzen Haare zeugen wie immer von Unlust, sich eine Frisur hinzuzüchten, die man jeden Tag aufs Neue pflegen müsste. Und die Klamotten sind sowieso aus den 70ern. Aber das hat man ihm schon des Öfteren vorgehalten. Die Ullrich ist sauer und Dominik relativ fertig mit den Nerven. Er atmet, als hätte er gerade einen 500 Meter Lauf hinter sich gebracht. Das ist nicht das Wetter. Es ist die Peinlichkeit. Ich hab ihm zwar nicht wirklich zugehört, aber anhand der Mimik der Domina, die über uns richtet, kann ich ablesen, dass er sich nicht gut geschlagen hat. Das berühmt-
berüchtigte Notizbüchlein wird aufgeschlagen, sie zückt den roten Stift des Verderbens und schreibt. Unser Kumpel blickt zu uns rüber. Wir halten die Daumen hoch, er zeigt uns den Mittelfinger. Es ist definitiv, er bekommt was Schlechteres als eine 4. Die blöde Schlampe hat ihre Beurteilung fertig geschrieben und ignoriert ihr Opfer zunächst. Sie fordert die gesamte Klasse auf, die Textzettel hervor zu holen, dann merkt sie, dass Dominik noch neben ihr steht. „Kannst dich setzen, wir sind fertig!“ Was für ein kurzer Satz. Was für eine brutale Beurteilung. ‚Wir sind fertig’. Als ob sie gerade mit ihm Schluss gemacht hätte. Er lässt die Schultern hängen und trottet zu seinem Platz. Vorbei an den Tussis im Mittelgang. Vorbei an den Strebern in der ersten und den Hoppern in der letzten Reihe. Sie blättern und beachten ihn gar nicht mehr.
„Scheiße“ ist das erste Wort, das Domi heute zu mir spricht, nachdem er sich neben mich an die Wand gesetzt hat. Fuxi dreht sich wie auf Kommando um. „Dominik, so schlimm war’s auch nicht. Wird doch bestimmt eine 4.“ Das erregt Zorn bei meinem Banknachbarn. Er flüstert lauter: „Wo soll das denn bitte ne 4 gewesen sein? Die verdammten Vokabeln hab ich nicht gekonnt, die Scheiß Deklination hab ich auch versemmelt, und der Text am Schluss war ja wohl ein bodenloser Arschfick.“ Ich bin beeindruckt. Heute hält er sich mit seinen Schimpfwörtern elegant zurück. Unter seinen Achseln sammelt sich der Schweiß. Zwei dunkle Kreise zeichnen sich auf seinem Polo-Shirt ab. Bei mir wird's nicht besser aussehen - die Hölle könnte nicht heißer sein. „Frag sie einfach später.“ Das ist meine Idee. Dominik zückt einen Stift und zieht demonstrativ wütend die Kapsel ab. „Ja, mach ich schon, Felix. Verdammte Scheiße. Noch ne schlechte Note kann ich echt nicht gebrauchen.“ Fuxi scheint Spaß daran zu haben, seinen Körper um 180 Grad zu wenden. Er ist schon wieder uns zugewandt. „In welchen Fächern sieht's denn überhaupt mies aus?“ Dominik muss gar nicht lange überlegen. Wie aus der Pistole geschossen rattert er herunter:
„Chemie, Mathe und Latein. Überall auf 4,5 oder 4,6. Verdammte Scheiße!“ Er sieht nicht mehr, wie Fuxi die Augenbrauen hoch zieht und mich dabei ansieht. Wir alle wissen, dass es um unseren Kumpel nicht gerade gut steht. Es ist sicherlich nichts Ungewöhnliches, in der 10. Klasse durchzufallen, aber seine Eltern sind sowieso schon streng genug mit ihrem Jungen. Bei jedem kleinen Patzer wird er gescholten und mit äußerst bescheuerten Restriktionen bestraft. Dieses Jahr war es besonders krass, da musste er doch tatsächlich im Januar einen ganzen Monat lang jeden Tag abends zu Hause sein (auch am Wochenende) und durfte nicht mal Play Station spielen. Sie dachten, er würde dadurch gezwungenermaßen lernen, aber Pustekuchen. Innerhalb dieses Monats hat er die ersten 3 Bände von Harry Potter durchgelesen. Außerdem hab ich ihm meinen alten Gameboy ausgeliehen, dafür hatte ich sogar noch zwei Spiele. Die waren beide total scheiße, aber Domi war am Schluss vernarrt in sie. In der Not frisst der Teufel eben Fliegen. Oder spielt Scheiße.
Er schildert Fuxi seine Lage. Seine Ausfrage hat das Augenmerk vom Grund für meine Verspätung abgelenkt. Sie wissen beide, dass ich noch nie zu spät gekommen und verdammt stolz darauf gewesen bin. Die Ullrich lässt Isabelle einen lateinischen Text vorlesen. Dass Dominik das nicht mitkriegt, ist dann doch etwas merkwürdig. Unsere Lehrerin sieht zu uns rüber. Ich mache kurz: „Schhh!“, doch es ist bereits zu spät. Sie klappt lautstark das Buch zu, bittet Isi, mal kurz zu pausieren und stemmt eine Hand in die Hüfte. Dann legt sie los. Und ich kann sehen, wie sie innerlich dabei grinst. „Felix, nur weil du die Schule nach dem Jahr verlässt, gelten für dich in den letzten Wochen trotzdem keine Ausnahmeregeln. Also sei bitte still und lass diejenigen lernen, die im nächsten Jahr noch davon profitieren können.“
Verdammt. Das Gespräch neben mir hat aufgehört. Isabelle setzt neu an und liest vor. Doch vier Pupillen sind auf mich gerichtet.
Dominik und Fuxi haben einen Blick drauf, als hätten sie gerade erfahren, dass ich ihre Mütter flach gelegt hätte. Dominik ist der Erste, der was dazu sagt. Wie hätte es auch anders sein können. „Was hat die Schnalle da gerade gebrabbelt?“
Fuxi fügt hinzu: "Du gehst weg?"
Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich brumme nur kurz vor mich hin. In der Hoffnung, mir würde dadurch etwas Sinnvolles einfallen. Doch wie meistens bekommen sie eine stille Antwort von ihrem Felix. Ich nicke und sehe die beiden mit leicht gesenktem Haupt an. Es ist fast so, als müsste ich mich dafür schämen. Dominik runzelt die Stirn. Seine großen Augen wirken fast wie die eines Kleinkindes, das gerade eben erfahren hat, dass es das Christkind nicht gibt. „Wieso gehst du denn bitte weg? Ziehst du um, oder was?“ Ich schüttle den Kopf. Der eben noch beim Gespräch mit Fuxi leicht über dem Tisch gebeugte Dominik lässt sich zurück in seinen Stuhl fallen. Er lehnt sich an die weiße Wand und betrachtet mich abschätzig.
„Wieso weiß sie denn eher davon als wir?“ Fuxi antwortet für mich. „Vor dem Sekretariat, oder? Du hast dich heute früh abgemeldet.“ Wieder nicke ich. Ein Zeigefinger deutet auf mich. Es ist der meines Banknachbars. Der dazu gehörige Typ ist wütend und verletzt. „Dass du dich verpisst, ohne auch nur einen Scheiß Ton zu sagen, das ist eine Sache. Aber dass diese blöde Schlampe es vor uns erfahren hat, werde ich dir echt nie verzeihen, ohne Scheiß!“ Ich will ihn besänftigen. „Hey, komm, das war reiner Zufall!“ Er winkt ab. „Ja ja, lass das. Vergiss es. Ich hör dir einfach nicht mehr zu. Hab echt die Schnauze voll. Du hättest es uns sagen können, aber… ne, ich halt jetzt echt die Schnauze. Arschloch!“ Fuxi wirkt neutraler. Er zuckt nur still mit den Achseln, dreht sich dann nach vorne und für den Rest dieser Unterrichtsstunde reden beide kein Wort mit mir. Ich werde gemieden, geschnitten und nicht einmal angesehen. Ich erwarte ein Donnerwetter in der Pause. Aber vorher muss ich
es erst einmal die letzte Religionsstunde in diesem Jahr über mich ergehen lassen. Da Fuxi und Dominik evangelisch sind, sehen wir uns nicht. Ich bin katholisch. Aber nur auf dem Papier.
Und somit bin ich auch der Erste, der sich aus dem Klassenzimmer verpisst, als unser Herr Pfarrer sagt, dass wir entlassen seien. Er wünscht uns schöne Sommerferien, aber da höre ich schon längst nicht mehr hin. Mir ist viel wichtiger, was jetzt auf mich zukommt. Domi und Fuxi fangen mich im Aufenthaltseck ab. Womöglich haben sie während ihrer letzten Religionsstunde geplant, wie sie mich zur Sau machen können. Meine beiden Kumpels schweigen, und so latschen wir weiter. Es ist direkt unheimlich, weder Fuxi noch Domi irgendwas sagen zu hören. Vor allem Dominik, der normalerweise nach einer versauten Ausfrage plappert wie ein Wasserfall. Ich sehe sie an und hoffe, dass sie ihren eigenen, individuellen Gedankengängen nachgehen, aber das tun sie wohl nicht. Während wir durch die Aula zum Haupteingang trotten, merke ich, dass sie jeglichen Blickkontakt zu mir vermeiden. Wut liegt in der Luft. Ob nun echt oder gespielt. Sie bereiten sich auf etwas vor. Es scheint sie härter getroffen zu haben, als ich vermutete. Ich hätte nie gedacht, dass ich den beiden so wichtig bin, dass sie das persönlich verletzt. Ich habe ein schlechtes Gewissen deswegen.
Die angenehme Kühle der Pausenhalle ist schnell verflogen, als wir in die brütende Morgensonne treten. Wir gehen vor den Fahrradständern nach rechts in den kleinen Hof, der zur Hälfte asphaltiert ist. Die restlichen 50 Prozent sind mit Gras bedeckt - ein idealer Ort für die frischverliebten Pärchen unseres Gymnasiums. Paarweise knutschen sie auf dem satten Grün herum oder kabbeln sich. Das ist schon lange nicht mehr meine Welt. Jetzt geht es darum, dass Domi auf einmal schneller voranschreitet, als wir es tun. Er hat drei kleine Fünftklässler auf ‚unserer’ Bank entdeckt. Diese befindet sich
auf der Grenze zwischen Gras und Asphalt und man blickt von ihr aus über das Pflaster direkt in drei Klassenzimmer. In diesem Jahr ist im mittleren davon eine 8. Klasse untergebracht. Lauter Pseudo-Mini-Versionen von harten US-Rappern. Wenn sie mal wieder in der Pause drinnen bleiben und sich bei offenem Fenster unterhalten, ist das eine Show, die man mit nichts auf der Welt vergleichen kann. Nur Kino ist besser. Es ist schon ziemlich lustig zu sehen, wie unser Dominik vor den kleinen Pissern steht, die natürlich äußerlich absolut keinen Respekt zeigen - innerlich aber Angst davor haben, was der große, böse Unbekannte denn jetzt gleich tun wird. Mit wilden Gebärden möchte er Eindruck schinden und sich Gehör verschaffen. Die Käsesemmel in seiner rechten Hand sieht aus wie ein Zepter, das er gebieterisch herum schwenkt, und ständig zeigt der Zeigefinger seiner anderen Hand nach links - wohl, um ihnen schon einmal die Entscheidung zu erleichtern, wohin sie sich jetzt am besten verflüchtigen. Mir wäre diese ganze Plackerei mit den Winzlingen zu viel Stress. Es ist mörderisch warm, mir läuft die Soße in Sturzbächen hinunter. Ich blicke zu Fuxi. Einerseits, weil ich wissen will, ob er das Autoritätsgehabe unseres Freundes genauso belustigend findet. Andererseits will ich seinen Schweißanteil überprüfen. Er weiß, dass ich ihn beobachte. Immerhin bekommt er das ja mit, wenn der Kerl, der 20 Zentimeter neben einem steht, seinen Kopf in Fuxis Richtung dreht. Je länger ich ihn anstarre, desto nervöser wird er. Er schwitzt tatsächlich. Ich weiß, dass es ihm so gar nicht behagt, wütend zu sein - aber er versucht es trotzdem. Nach ein paar Sekunden dreht er seinen Schädel so, dass wir uns direkt in die Augen sehen können. Ich lächle ihn an und neige den Kopf kurz in Dominiks Richtung. Fuxi zieht die Augenbrauen zusammen und starrt wieder nach vorne ins Leere. Das gibt mir trotz allem ein ungutes Gefühl. Ich will das jetzt endlich hinter mich bringen. Gott sei Dank verpissen sich die kleinen Scheißer alsbald von unserer Bank, sodass wir unsere gewohnten Positionen einnehmen können. Ich in der
Mitte, der Typ mit der Käsesemmel links neben mir, und auf der anderen Seite thront Fuxi, der es nach wie vor nicht fertig bringt, seinen Arsch auf die dafür vorgesehene Sitzfläche zu parken. Jeden einzelnen Tag sitzt er auf der Lehne. Wenn ich mit ihm reden will, kann ich entweder seine Schuhe anstarren, oder ich muss mich leicht nach vorne beugen und meinen Kopf drehen, damit ich nach oben blicke. Im Winter ist die Sonne dann meistens richtig schön hinter seiner Schulter und strahlt mir direkt ins Gesicht. Und dann soll sich noch einer darüber lustig machen, dass ich für die Pause ab und zu eine Sonnenbrille aufsetze.
Wir sind da. Stille. Das nervt. Ein wenig anstachelnd sage ich:
"Und?" Domi, der genüsslich seine Semmel verputzt, setzt
kurz ab.
„Was, und?“ will er wissen.
„Zusammenscheißen, hätte ich gedacht.“
Jetzt muss ich meine Freunde tatsächlich auch noch dazu
auffordern, mich verbal zu attackieren. Aber ihre Strategie ist
anders. Heute ist es weder Zuckerbrot noch Peitsche. Heute ist
es die Taktik, die Eltern immer versuchen, wenn sie mit ihrem
Latein am Ende sind und eigentlich gern zur Flasche greifen
würden, um das Leben mit ihren missratenen Kids in Alkohol
zu ertränken.
Dominik sagt: „Ne, bringt doch nichts, dich zusammen zu
scheißen. Ich meine, wenn du uns satt hast, dann ist es ja wohl
echt besser, wenn du gehst.“ Fuxi ist ein neugieriger Mensch.
Er unterbricht Dominiks Plan mit einer Frage. Dazu tippt er
mir an die Schulter.
„Wo gehst du eigentlich hin?“
Ich höre leise das Wort Idiot von meiner Linken. Fuxi kann
nichts dafür, Unwissenheit bringt ihn um. Er würde am
liebsten alles wissen, was man überhaupt wissen kann. Das hat
er mit Frau Ullrich gemeinsam.
„FOS“ ist meine kurze Antwort.
„Fachoberschule.“
„Genau.“
„Bist du bescheuert? Wieso das denn?“ Dominik ist da dann
doch eher der direkte Typ.
„Ich hab einfach Angst, dass das nächste Schuljahr mit den
Noten nicht so hinhaut, verstehst? Ich bin dieses Mal mit zwei
Vieren in Hauptfächern gerade noch so davon gekommen. Die
11. Klasse wird noch schwerer, hab ich mir sagen lassen. Und
ich hab keine Lust, zu wiederholen.“ Ich bräuchte ein Glas
Wasser. So viel zu reden ist ungewohnt für mich.
„Das ist doch kompletter Schwachsinn!“ wirft mein
Banknachbar in die Runde. Er ist sehr aufgebracht. Außerdem
schleudert er beim Reden ständig Semmelbrösel gegen mein
Shirt. Freundlicherweise wischt er sie in der nächsten Sekunde
dann auch selbst wieder weg und sagt: „Sorry!“
„Nein, es ist halt so!“ Langsam geht meine Deckung verloren.
Die durchschauen mich! Ich spüre Fuxis entlarvende Blicke
von seiner erhöhten Position. Er ist mein Richter. Ich weiß,
dass er längst kapiert hat. Schließlich beugt er sich ein klein
wenig herunter und sagt: „Das will aber irgendwie nicht in
meinen Kopf rein. Was du über die 11. gesagt hast, stimmt
schon. Aber sieh dir Domi an. Der hat noch viel schlechtere
Noten als du und ist nicht besorgt, oder?“
Dominik schüttelt den Kopf und reißt anschließend ein Stück
von der Semmel ab.
„Du müsstest dich nur ein klein wenig reinhängen, verstehst
du? Das weißt du. Das ist kein Argument.“
Ein weiterer, qualifizierter Spruch vom Jungen links neben mir
folgt: „Fadenscheinig, Alter! Absolut fadenscheinig! Ich
könnte kotzen!“
„Schau, auf der FOS fallen aber Fächer wie Chemie oder
Latein weg. Ich hätte es um einiges einfacher und kann viel
lockerer das Abi kriegen.“
„Das Fach-Abi, Felix. Das zählt nicht so viel wie das
normale.“ Fuxi kennt sich aus, das muss man ihm lassen.
„Was?“ Der andere ist empört. „Was ist denn dann mit dem
Pakt, den wir in der fünften Klasse geschlossen haben?“
„Was für einen Pakt meinst du?“
„Na, dass wir zusammen Abi machen, zusammen nach dem
Abi in Urlaub fahren, zusammen Zivildienst haben und dann
zusammen studieren! Das haben wir in der fünften Klasse so
ausgemacht!“
Jetzt muss er auch noch unbedingt mit diesen ollen Kamellen daher kommen! Das bringt doch gar nichts. Verdammt, meine Entscheidung ist gefällt. Höhere Gewalt hat mich dazu gezwungen. Da hilft irgendein Pakt aus der 5. Klasse auch nicht weiter. Damals hatte ja noch nicht mal irgendeiner von uns Sackhaare. Na ja, Dominik vielleicht. Seinen ersten Playboy kaufte er im stolzen Alter von 12. Wir waren mit dabei. Er fand's toll. Und ich und Fuxi fanden Muschis ekelhaft. Für uns sahen die Dinger aus wie Einschusslöcher von Schrotflinten. Mittlerweile hat sich das aber auch geändert.
Das merkt man vor allem, wenn eins dieser süßen Mädchen aus der Oberstufe an uns vorbei läuft. Irgendwie sind seit dem Frühjahr diese winzigen Tennisröcke in Mode - und die Mädels stehen mindestens so sehr drauf wie wir Jungs. Unsere hitzige Diskussion wird immer wieder angenehm durch einen Minirock unterbrochen, der von knackigen 18-jährigen zur Schau gestellt wird. Der Schulhof ist ihr Laufsteg. Ich beiß mir jedes Mal demonstrativ in meinen Handrücken, obwohl mich niemand dabei beobachtet. Es kommt auch öfter von einen von uns Dreien der Spruch: „Verdammt, ist die geil!“ oder „Verdammt, ist das heiß!“ Wir stehen ziemlich auf Schimpfwörter. Das liegt aber nicht an South Park. An South Park lieben wir vor allem den subtilen Humor, der unter der rüden, ruppigen Oberfläche lauert. Und wir fühlen uns privilegiert, denn die ganzen Idioten, die diese Serie nicht abkönnen, weil sie ihnen zu ordinär ist, verstehen den Humor und die politischen Seitenhiebe einfach nicht.
Jetzt im Moment ist das allerdings Nebensache. Ich bin von
meinen beiden Jungs eingeschlossen. Sie bombardieren mich mit Mutmaßungen über den Grund meines Austritts. Sie beschweren sich darüber, dass wir aufgrund verschiedener Stundenpläne und des obligatorischen Praktikums, das man auf der FOS abhalten muss, sehr viel weniger Nachmittage füreinander zur Verfügung haben, als es jetzt der Fall ist. Dabei frage ich mich, worüber sie sich eigentlich aufregen. Seit dem Ende der Pfingstferien vor 6 Wochen haben wir außer unserem wöchentlichen PS2-Abend am Donnerstag nichts gemeinsam unternommen. Niemand hat sich beschwert. Aber Hauptsache, es nützt ihnen in diesem Streit etwas. Ich gebe schon gar keine Antwort mehr, ich schüttle nur ständig den Kopf oder sage, dass es nicht so ist, wie sie behaupten. Das veranlasst die beiden aber nicht zur Aufgabe, im Gegenteil. Meine Weigerung, ihnen auch nur irgendeine plausible Auskunft zu geben, stachelt sie nur weiter an. 15 Minuten der ersten Pause sind vergangen und Dominiks Käsesemmel brät gemütlich in der Sonne, weil er seit Minuten keinen Bissen mehr getan hat. Das Thema scheint ihn wirklich mitzunehmen. Auch mir geht es dabei von Minute zu Minute beschissener. Ich hatte gehofft, sie fänden es okay und würden mich einfach gehen lassen. Natürlich wäre ich bei Desinteresse ein wenig geknickt gewesen - aber im Endeffekt hätte es mir meine Entscheidung nur vereinfacht. Jetzt, da sie mit Gegenargumenten nicht gerade sparen, beginne ich selbst wieder mit der Grübelei. Ist es die richtige Entscheidung? Schmeiß ich damit all meine Chancen auf einen gut bezahlten Job über Bord? Degradier ich mich? Bin ich dümmer, als ich denke? Ist es das alles überhaupt wert? Just in diesem Moment kommt der personifizierte Grund um die Ecke auf den Pausenhof.