So hallo leute. Für die Schule bin ich gerade dabei ein fantasy Buch, als Jahresarbeit, zu schreiben.
Um mir mal die Meinung von möglichst vielen leuten an zu hören, habe ich mir gedachte stelle ich mal den Anfang ins Internet. Ich hoffe es melden sich einige leute, mit konstruktiven Beiträgen dazu und bei bedarf kann ich gerne noch mehr von meinem Buch posten.
Hf
Prolog
Es war spät in der Nacht, als das Schicksal seinen Lauf nahm. Die ganze Stadt lag still und versank halb im Nebel, nur das Schloss des Königs auf einer kleinen Anhöhe blieb von dem weißen Dunst befreit, als wolle es seine Unabhängigkeit von der Natur beweisen.
Die Straßen waren leer und kein Laut war zu hören.
Der einzige Ort, an dem sich Regung zeigte, war außerhalb der Stadtmauern.
Zwei Männer, denen man offensichtlich wenig Intelligenz in die Wiege gelegt hatte, standen hinter dem Tor, ihre schwarze Kutsche mit zwei majestätischen Pferden an der Spitze, stand am Waldrand. Sie waren spärlich ausgerüstet mit einer ledernen Rüstung, die aussah, als würde sie nicht einmal einem verrosteten Dolch standhalten können und einem kleinen Schwert, welches so stumpf war, dass man nicht einmal Holz damit spalten konnte.
Wenn man sie für die Drecksarbeit bestellt hatte, waren sie bisher eigentlich immer zuverlässig gewesen, doch heute verlangte das Schicksal etwas anderes von ihnen.
Der etwas dicklichere von den beiden hielt zitternd einen kleinen Korb in seinen Händen und flüsterte mit dem andern.
„Ich kann das einfach nicht Boris, kuck es dir doch mal an, das ist einfach nicht richtig“.
„Du weist doch, was er gesagt hat. Wir müssen das hier zu Ende bringen, wir haben gar keine andere Wahl“.
Ein kalter Wind wehte vom Wald her in ihr Gesicht und erinnerte sie daran, in was für einer Gefahr sie eigentlich schwebten.
Er öffnetet den Korb und sah in die leuchtend grünen Augen eines kleinen Babys, das ihn irritiert mit einem Finger im Mund beobachtete.
Hastig stellte Grubbert den Korb auf den Boden.
„Nein ich werde das kleine Ding ganz sicher nicht umbringen und ich werde es auch nicht von dir umbringen lassen“, sagte er aufgeregt.
„Ich bin ja auch dagegen,“ sagte Boris „aber was willst du denn statt dessen tun? Auf uns wartet Schlimmeres als der Tod wenn raus kommt, dass wir es am Leben gelassen haben.“ Eine lange Pause entstand.
„Ich hab’s“, rief Grubbert laut, wir setzen ihn im Wald aus.
„Bist du verrückt? Den kleinen willst du nicht töten, aber ihn den Nebulanern zum Fraß vorwerfen, scheint dir nichts auszumachen?“
Schuldbewusst schaute Grubbert auf den Boden. Er war sichtlich angespannt und schaute immer wieder auf das Baby, das sich inzwischen schlafen gelegt hatte.
„Hast du vielleicht ne bessere Idee?“.
Ohne weiter auf die Frage einzugehen dachte Boris angestrengt nach, aber es sah
hoffnungslos aus. Sie wussten nicht einmal, warum sie den kleinen töten sollten, aber für gewöhnlich stellten sie keine Fragen.
„Was wäre, wenn wir ihn einfach vor eine Haustür legen?“
„Nein so wird unser kleines Geheimnis mit Sicherheit nicht lange gewahrt. Wir müssen den kleinen irgendwohin weit weg bringen, aber dazu fehlt uns die Zeit!“
Der Nebel verdichtet sich zunehmend und mit ihm die Kälte, die ihnen, wie der eisige Hauch eines Ungeheuers, aus dem Wald entgegen blies.
„Jetzt hab ich‘s wirklich,“prustete Grubbert geradezu enthusiastisch heraus, „wir setzten ihn auf den
Fluss, dann treibt er, ohne dass wir irgendwas unternehmen müssen, weit weg.“ Er freute sich, dass er auf solch einen guten Gedanken gekommen war und wartete gespannt die Reaktion seines Freundes ab.
„Hast du schon wieder die Nebulaner vergessen?Wo hast du nur immer deinen Kopf?“
rief Boris genervt.
Grubbert lächelte verstohlen, als hätte er geradezu auf diese Frage gewartet um nun sein Wissen kund tun zu können
„Weist du denn nicht, dass sie den Fluss meiden? Auf dem ist der Junge bestens geschützt. Vermutlich besser, als er‘s gerade in diesem Moment ist .“
Daraufhin nickte Boris nur kurz und sah sich kurz um. Sie mussten jetzt auf schnellstem Wege zum schwarzem Fluss, der berechtigterweise seinen Namen trug, denn das Wasser in ihm war pechschwarz. Um diesen Fluss rankten sich viele Mythen und dunkle Geheimnisse und niemand wusste, wohin genau er eigentlich führte. Aber er war ihre einzige Chance den kleinen Jungen vor dem Tod zu bewahren.
Der Fluss befand sich tief im Wald. Die beiden wussten genau was sie erwarten, wenn sie sich zu lange in ihm aufhielten, also stiegen sie ohne ein weiteres Wort zu verlieren in ihre Kutsche ein und preschten los.
Vor kurzem erst waren die Nebulaner in den Wäldern aufgetaucht. Angeblich holten sie sich die Seelen der Menschen und machten sie zu Sklaven ihres Meisters, ein furchtbarer Gedanke, der eben durch Gruberts und Boris Köpfe huschte.
Der Fahrtwind blies den beiden ins Gesicht und der Lärm, den sie mit der Kutsche verursachten, war ihnen niemals so laut vorgekommen wie jetzt. Regungslos und steif saßen sie da und spähten in die Dunkelheit, die sie umgab.
Jetzt waren sie sich gar nicht mehr so sicher, ob das Baby die ganze Mühe überhaupt Wert war. Es würde sich ja nicht mal an sie erinnern. Aber um wieder umzukehren, war es jetzt zu spät.
Der Pfad, auf dem sie ritten, wurde immer schmaler und holpriger. Ihr Ziel konnte nicht mehr weit entfernt sein. Boris nahm den Korb und schaute kurz nach dem Baby, das durch das ganze Geholpere aufgewacht war und einen gequälten Eindruck machte. Als sie das Glänzen des vom Mond beschienen Flusses durch das Dickicht sahen, hatten sie endlich wieder Gelegenheit aufzuatmen. Hastig stellten sie die Pferde ab und rannten den kleinen Trampelpfad hinunter zum Fluss, der geradezu melancholisch und ruhig den Empfang des Kindes zu erwarten schien.
Sie setzten den Korb in das schwarze Wasser und stupsten ihn vom Ufer weg. Viel Zeit zur Verabschiedung blieb nicht, nur ein trauriger Blick auf den ins Ungewisse treibende Korb.
Angesichts der Tatsachen waren sich die beiden sicher, dass der Kleine nicht überleben würde, aber eine Alternative hatten sie nun mal nicht. So schnell wie möglich wollten sie weg von dem Teufelsfluss und die ereignisvolle Nacht vergessen. Sie liefen eilig zurück zur Kutsche die sie zurück zu ihrem Meister führen würde. Sie hofften, dass er niemals etwas von ihrem versagen erfahren würde. Der Junge im Korb nahm die Umgebung mit seinen großen grünen Augen aufmerksam in sich auf. Mit einem Daumen im Mund beobachtete er voller Ehrfurcht die vom Mond beschienenen und vom Wind gestreichelten riesigen Bäume, die sich schützend über den Fluss beugten, als befände er sich am sichersten Ort auf Erden.
Kapitel 1
Veränderungen
(15 Jahre später)
Die Sonne strahlte an jenem Morgen mit all ihrer Wärme auf die große Stadt Metheronia. Trotz der Tatsache, dass es noch sehr früh am Morgen war, herrschte bereits reger Verkehr auf den Straßen. Die Bauern aus den umliegenden Dörfern bauten ihre Stände im Marktviertel auf, die Narren hopsten leichtfüßig durch die Gassen und überall ging man seiner Tätigkeit nach.
Von eben diesem Lärm wachte Thalomir auf, er wischte sich den Schlaf aus den Augen und setzte sich in eine aufrechte Lage. Vom Schlaf noch etwas benommen lächelte er matt.
Heute war der große Tag, auf den er sich schon so lange gefreut hatte. Er war nun endlich bereit für die Aufnahme. Aufgeregt stieg er aus seinem Bett und zog sich schnell etwas über. Der Duft von frischem Gebäck machte sich bemerkbar, als er die Tür von seinem Zimmer aufriss und versetzte ihn in eine Stimmung, die nicht perfekter hätte sein können. Hastig zog er seine Schuhe an und schlenderte die Treppe herunter. Auf dem Tisch wartete bereits das Frühstück, das er gierig herunterschlang. Völlig alleine saß er da und träumte vor sich hin, während er aß. Er sah sich schon in der dunklen Robe die große Treppe, die in den geheimen Saal führte, herunter steigen und seinen Schwur auf Enel den Gott der Diebe schwören. Seine Gedanken wurden durch ein metallisches Klirren, das durch das große Haus hallte, unterbrochen.
„Vater ist wohl in der Schmiede,“ dachte er und stand mit dem letzten Stück Brot in der Hand auf, um zu ihm zu eilen.
Er ging aus dem Haus und öffnete behutsam die Tür, die zur Schmiede führte. Er wusste, wie konzentriert sein Vater beim Schmieden war, auch wenn er nicht verstand, warum er es tat. Ihm war klar, dass es zur Tarnung nötig war, aber ein paar wenige Spezialanfertigungen würden es auch schon machen. Stattdessen ging er der Arbeit nach, als wäre es seine Einzige .
Als Thalomir die Axt in den Händen seines Vaters sah, erkannte er, dass sie fast fertig war. Das konnte er nach all den Jahren letztendlich mit Bestimmtheit sagen, auch wenn er sich nie sonderlich für das Schmieden interessiert hatte.
Als er seinen Vater beobachtete, dachte er darüber nach, was die Leute der Stadt wohl sagen würden, wenn sie wüssten, dass er ein Dieb war. Für ihn war es normal. Er war mit dem Diebeshandwerk aufgewachsen und endlich würde auch er ein Mitglied der Schwarzen Hand werden.
Der Vater legte die Axt beiseite. Als er seinen Sohn an der Tür bemerkte, entglitt ihm ein sanftes Lächeln. „Was für ein prächtiger Junge er geworden ist,“ dachte er . „Na hast du ausgeschlafen, Schlafmütze?“
„Noch nicht ganz,“ sagte Thalomir noch ein wenig schläfrig. „Ich hab gestern an Mutter denken müssen. Sie war ja immer ein Gegner der Schwarzen Hand gewesen. Denkst du, sie wäre trotzdem stolz auf mich, wenn sie noch hier wäre?“ fragte Thalomir vorsichtig.
„Weißt du, auch wenn sie andere Ideale anstrebte, als wir es tun, das, was dich ausmacht, wären ihr Grund genug gewesen, stolz auf dich zu sein, glaub mir.“ Er schaute ihn wieder mit seinem sanften Lächeln an, das Thalomir schon oft den Tag gerettet hatte, aber diesmal verschmolz es langsam, in schmerzhafte Züge,
„Was hast du?Ist alles in Ordnung?“, fragte Talomir besorgt.
„Ja, es geht schon. Komm wir gehen ins Haus,“ antwortete der Vater.
Thalomir hatte schon lang nicht mehr über seine Mutter nachgedacht. Sie war früh gestorben und er hatte kaum noch Erinnerungen an sie. Sie hatte schnell gemerkt , dass etwas anders an ihrem Sohn war, schneller als es ihm selbst aufgefallen war. Er hatte sich schon einige Erklärungen zurechtgelegt, aber eine Antwort, die ihn zufriedenstellte, hatte ihm bis heute noch niemand geben können. Es war nicht so, dass ihn seine Fähigkeiten sonderlich störten, ganz im Gegenteil, sie waren sogar sehr nützlich, aber irgendwie fühlte er sich alleine und unverstanden.
So oft hatte er sich schon gefragt, warum er all diese Dinge konnte, die dem Rest der Welt verschlossen blieben. Das Dunkel der Nacht zum Beispiel, hatte Talomir festgestellt, war den anderen Menschen wie ein Hindernis, wie ein schwarzer Schleier, den sie nicht zu durchdringen vermochten. Für ihn war das gänzlich unvorstellbar. Sein Vater meinte dazu, er wäre eben für das Diebeshandwerk geschaffen, aber etwas tief in Thalomir drinnen, sagte ihm, dass seine Bestimmung irgendwo anders lag. Er wusste nur noch nicht wo. Nichts desto trotz liebte er das Stehlen. Nicht den gewöhnlich Taschendiebstahl, sondern viel mehr die Raubzüge in die Häuser der reichen Bürger, in denen wesentlich mehr zu holen war als in deren Taschen. Er liebte es, in den dunklen stillen Häusern umher zu geistern und den unbekannten Duft des Hauses einzuatmen. Es war jedesmal aufs Neue eine Entdeckungsreise in unbekanntes Terrain. Die meisten Leute in der Stadt wären vermutlich entsetzt, würde ihnen jemand flüstern, wieviele einflussreiche Männer ihren Reichtum aus der Gilde bezogen und ihr im Gegenzug einen erheblich Sold an Macht leisteten. Es befanden sich leider auch jede Menge zwielichtiger Gestallten unter den Mitgliedern, die es beim einfachen Bestehlen oft nicht beließen und Morde begangen. So war die Gilde die letzten paar Jahre immer schärfer in das Augenmerk der Stadtwache geraten und das Stehlen wurde Tag für Tag gefährlicher.
„Ich muss etwas Wichtiges mit dir bereden, Thalomir“, sagte sein Vater ernst und setzte sich auf einen Stuhl in der Küche.
„Ich wollte es dir eigentlich erst später sagen“, sprach er langsam weiter, „aber ich glaube es ist besser, wenn du es jetzt gleich erfährst. Du wirst vielleicht nicht ganz damit einverstanden sein, aber mein Entschluss steht fest und daran ist auch nichts mehr zu ändern.“ Er seufzte und nahm einen tiefen Luftzug bevor er weiterredete.“
„Du weißt ja, dass es momentan drunter und drüber bei uns in der Gilde geht. Ein Haufen Dreckskerle hat sich bei uns eingenistet und wir befürchten, dass wir einen Verräter unter uns haben.“
„Was?“, rief Thalomir entgeistert.
„Wir konnten es auch erst kaum glauben, aber alles deutet darauf hin. Immer mehr Mitglieder werden nach und nach verhaftet, ohne dass sie auch nur irgendwie auffällig geworden wären, Dokumente verschwinden und jetzt.... .“ Der Vater sah seinen Sohn bekümmert an,
„Wir nehmen an, dass der Verrat von einem der hohen Mitglieder kommt, der Zugriff auf das Mitgliedsbuch hat. Seit heute Morgen gilt es als vermisst und wenn die Stadtwache das in die Hände bekommt, falls das nicht schon der Fall ist, werden sie einen nach dem andern von uns hängen lassen. Und deswegen möchte ich, dass du aus der Stadt fliehst, noch heute Nacht. Ich habe bereits alles in die Wege geleitet
„Und was ist mit dir?“, fragte Thalomir völlig verwirrt.
„Solange du weg bist, werde ich mich irgendwo in der Stadt verstecken. Ich kann hier nicht weg, zumindest vorerst nicht.“
Thalomir sah ihn mit leerem Blick an. Die Welt schien verrückt geworden zu sein. Er wollte gerade den Mund aufmachen, um zu protestieren, hielt sich dann aber doch noch zurück. Er wusste, dass er gegen die Entschlossenheit seines Vaters nicht ankam, also stand er auf und rannte die Treppe hoch. Im Moment gab es nur eins für ihn, er musste alleine sein. Er öffnete das Fenster in seinem Zimmer und kletterte auf das Dach. Hier kam er immer hin, wenn er Zeit für sich brauchte, um nachzudenken.
Der weite Blick über die Stadt, vermittelte ihm jedes mal ein Gefühl von Freiheit. Er konnte von hier oben aus sogar über die Stadt hinweg sehen, auf das grüne Tal und in der Ferne sah er sogar bereits die verschwimmenden Konturen der Goya Berge. Über die Dächer der Häuser hinwegschauend, atmete er tief ein. Er machte sich keine Illusionen. Die Sache galt es keineswegs zu unterschätzen. Er konnte nicht begreifen was den Vater noch in der Stadt hielt aber er wusste das er ihn Heute vielleicht sogar zum letzten Mal sah. Sich mit diesem Gedanken vertraut zu machen fiel ihm schwer, schwerer als alles andere Vergleichbare. Erst als die Sonne langsam hinter dem Horizont verschwand, machte er sich wieder auf in sein Zimmer.
Kapitel 2
Der Aufbruch
Thalomir wartete auf seinem Bett, bis sein Vater ihn holen würde. Irgendwie hatte er Angst vor dem, was ihn erwarten würde. Er war noch nie weit außerhalb der Stadt gewesen. Als Kind streifte er häufig in den Wäldern der Umgebung umher und ab und zu besuchte er mit seinem Vater ein paar Bauern, um Nahrung einzukaufen, aber das jetzt war etwas anderes. Soweit er das richtig mitbekommen hatte, würde seine Reise mehrere Tage andauern
Er hörte, wie jemand die Treppe herauf kam. Kurz danach erschien sein Vater im Zimmer. Er hielt Kleidungsstücke und einen kleinen runden Sack in seinen Händen.
„Hier, zieh das an.“, sagte er hastig und warf Thalomir die Sachen hin. „In dem Beutel befinden sich Proviant für einige Tage, eine Karte und noch einiges was du auf deiner Reise brauchen wirst.
Thalomir zog die sich die einfachen Klamotten aus Wolle an , streifte sich seine braune Lederweste über und schwang den Beutel, der mit einem Lederriemen versehen war, über seine schultern.
„Außerdem möchte ich, dass du ein bisschen Geld mitnimmst und diesen Brief. Den gibst du Thasos. Zu ihm führt deine Reise hin, er schuldet mir noch einen kleinen Gefallen und in dem Brief steht alles, was er wissen muss.“
Nachdem er ausgesprochen hatte, schaute er ihn mit einem besorgten lächeln an und drückte ihn fest an sich.
„Deine Reise wird lange und gefährlich“ sagte er ruhig „also pass gut auf dich auf. Es ist schon spät,um Mitternacht müssen wir am Treffpunkt sein“, sagte der Vater etwas in Eile. „Du wirst auch nicht alleine reisen müssen, Tandriel wird dich bis zum Haus seiner Tante begleiten. Sie wohnt in Sâlatas. Und jetzt hör mir gut zu. Es ist wichtig, dass du in Salatas mit Merilia Kontakt aufnimmst. Thasos hat mir gesagt, dass sie dich zu ihm führen wird.
„Und wie soll ich sie finden?“ fragte Thalomir verwirrt.
„Sie ist diejenige die dich finden wird“, antwortet der Vater bestimmt, „mehr kann ich dir auch nicht sagen.“
Sie gingen durch die Tür in die Nacht und Thalomir war sehr erleichtert, dass jemand mit ihm reisen würde. Tandriel war zwar nicht wirklich sein Freund, aber sie kannten sich recht gut und das konnte er nicht von vielen gleichaltrigen behaupten.
Während sie durch die einsamen Gassen eilten erklärte ihm sein Vater schnell, wie alles von statten gehen würde. Sie gingen geradewegs zu Olaf dem Müller. Seine Hütte stand etwas außerhalb von den anderen Häusern am Fluss. Er hatte sich bereit erklärt, die beiden hinten auf seinem Mehlkarren zu verstecken und bis zu der Kreuzung mitzunehmen, an der sich ihre Wege teilen würden. In den letzten Jahren hatte er immer mal wieder Leute aus der Stadt geschleust, was bis heute problemlos von statten gegangen war.
Thalomir vernahm das Plätschern des Flusses und kurz danach konnte er Tandriel sehen, wie er ungeduldig neben dem Karen stand. Beinah hätte er ihn nicht wieder erkannt, er hatte langes zotteliges Haar und war fein eingekleidet, jedenfalls besser als Thalomir. Als sie näher gekommen waren, begrüßte er seinen Weggefährten schüchtern. Tandriel war schlecht gelaunt und nahm die Begrüßung nur wiederwillig entgegen.
„Ihr seit spät dran“, warf Olaf schroff ein und setzte sich demonstrativ vorne auf den Karren um zur Abfahrt zu drängen.
Thalomir hätte sich gerne länger von seinem Vater verabschiedet, aber es kam nur zu einer kurzen Umarmung. Danach stieg er in den Karren, der mit einer Plane aus Baumwolle bedeckt war. Augenblicklich fing der Ochse an zu ziehen und die Fahrt begann. Er öffnete die Plane einen Spalt breit und sah seinem Vater nach, dessen Augen voller Trauer hinter ihm her blickten. Von da an wusste er, dass er ihn heute zum letzten Mal sah und eine warme Träne kullerte über sein Gesicht. Dann legte er sich hin. Er wollte seinen Kopf nicht weiter mit Trauer beladen und versuchte seine schlechten Gedanken zu verdrängen.
Einsam rollte der Wagen durch die Nacht und es dauerte eine Weile, bis sie zum Ende der Stadt gelangten, was Thalomir daran erinnerte, wie groß sie eigentlich war.
Als sie an den Wachen vorbeifuhren, hörte er, wie sie mit Olaf draußen redeten und ihre Stimmen drangen gedämpft durch die Plane an sein Ohr,
„Na Olaf, was musst du denn noch so spät in der Nacht erledigen?“
„Ich hab eine Lieferung, die bis zum Morgengrauen eintreffen muss“, antworte er ruhig.
„Du versuchst doch wohl nicht hier, was an uns vorbei zu schmuggeln, oder ?“ Sagte der andere Wachmann und lachte mit seiner tiefen Bärenartigen Stimme, in der etwas mitschwang, das einem viel über seine Persönlichkeit enthüllte. Er war bekannt dafür, dass er seine Position als Wachmann missbrauchte.
Olaf war sichtlich angespannt und versuchte, so gut es ging, zu lächeln. Er wusste, wie die Strafen in Meteronia ausfielen und das Schmuggeln von zwei Personen war sicherlich kein Kavaliersdelikt.
„Tut uns leid, aber wir haben den Befehl, jeden Wagen zu durchsuchen, also können wir nen kurzen Blick auf deine Fracht werfen?“
„Das würde ich nicht tun.....“, sagte Olaf verzweifelt. Er hatte sich zwar auf diese Situation vorbereitet, aber jetzt, wo es so weit war, übermannte ihn seine Angst und seine Stimme begann zu zittern.
„Warum denn nicht?“ fragte der Wachmann der vorhin noch gelacht hatte nun wesentlich ernster.
„Ich habe hoch ansteckende Seuchenleichen geladen, die unverzüglich verbrannt werden sollen.“, sagte Olaf in einem ernsten Ton.
Thalomir und Tandriel saßen ganz ruhig im Karren und lauschten angestrengt. Sie hofften inständig, dass die Wachen auf diese Szenario reinfallen würden, doch es sah schlecht aus. Was sollte auch ein Müller mit dem Transport von Leichen zu tun haben.
„Hm Leichen soso, ich hab aber nichts von so einem Transport gehört, du etwa?“
„Ne!“ antwortet der mit der tiefen stimme.
„Natürlich habt ihr nichts davon gehört“, sagte Olaf und sprach leise weiter „das ist ja auch streng geheim und wenn ihr beide nicht eure Klappe haltet und überall in der Stadt Panik ausbricht, dann werde ich persönlich dafür sorgen, dass mein Kopf nicht der Einzige sein wird, der rollt! Haben wir uns verstanden?“
Der Wachmann mit der tiefen Stimme beobachtete ihn skeptisch, ließ ihn dann aber widerwillig passieren.
„Sollten wir raus finden, dass an deiner Geschichte irgendwas faul ist, dann bist du dran!“, rief er dem von dannen rollenden Karren hinterher.
Thalomir wusste nicht, wie lange er geschlafen hatte, aber das Geholper des Wagens, das ihn vorher so ruhig hatte einschlafen lassen, weckte ihn nun unsanft. Sie mussten wohl auf einen holprigen Pfad gekommen sein. Er warf einen kurzen Blick nach draußen, der seinen Verdachte bestätigte und steckte seinen Kopf aus der Plane. Sie fuhren auf einem kleinen, von Gras bewachsenen Weg. Auf der rechten Seite war ein dicht bewachsener Wald mit kleinen Bäumen und auf der linken eine hügelige Wiese, die es einem erlaubte weit in die Ferne auf die majestätische Goya Bergkette zu blicken. Die Luft kam ihm unglaublich frisch vor, so wie immer, wenn er bisher auf dem Land gewesen war und die gerade aufgestandene Sonne wärmte sein Gesicht. Er nahm einen Tiefen Atemzug und verschwand dann wieder im Karren.
Tandriel schien das Gewackel nicht sonderlich zu stören, denn er lag seelenruhig und zusammengekauert neben Thalomir und schlief. Wie weit sie wohl schon von Zuhause weg waren, fragte er sich. Den Bergen nach zu urteilen, die ein ganzes Stück näher gekommen waren, hatten sie bereits eine lange Strecke hinter sich gelegt. Er packte die Karte aus seinem Beutel und versuchte ungefähr heraus zu finden, wo sie waren.
Als nächstes mussten sie den Geisterpass durchqueren, der sie direkt ins Königreich Goran geleiten würde. Nach allem was Thalomir wusste, musste es dort zauberhaft sein. Er hatte als Kind immer wieder Geschichten aus diesem Land gehört und sich sehnlichst gewünsch, auch einmal dort zu sein. Ihr König Garolan ist ein weiser und mächtiger Mann, der das Reich in seine goldenen Jahre führte. Er hatte nach Jahrhundertelangen Kriegen gegen die Elfen und ihre Verbündeten, die Drachen, wieder frieden gebracht und dem Reich zur vollen Blüte verholfen.
Ruckartig und unerwartet machte der Waagen plötzlich halt, wovon Tandriel aufwachte. „Was ist denn Passiert?Warum halten wir“ fragte er gähnend und sichtlich schlaftrunken.
„Ich hab keine Ahnung. Vielleicht sind wir ja da“, antwortete Thalomir und nutze die Gelegenheit, um sich ein wenig die Beine zu vertreten. Draußen angelangt, hatte er eigentlich damit gerechnet, Olaf in der Nähe zu entdecken, doch auf die Schnelle konnte er ihn nicht ausfindig machen.
„Komisch, wo kann er nur hin sein? Hier ist weit und breit nichts, was es Wert wäre anzuhalten“. Daraufhin kam auch Tandriel nach draußen mit einer Hand vor dem Gesicht, um sich vor den Sonnenstrahlen zu schützen.
„Vielleicht ist er ja einfach eingeschlafen“, sagte er grimmig.
Thalomir ging, ohne auf die mufflige Anspielung einzugehen, an das vordere Ende des Wagens, um nachzusehen ob Tandriel mit seiner Vermutung recht hatte, doch da saß niemand. Er war wie vom Erdboden verschluckt von einer Sekunde auf die andere.
„Und ist er da hinten?“, fragte Tandriel.
„Nein“, antwortete Thalomir nachdenklich. Der Ochsen am vorderen Ende des Karrens hob gelangweilt seinen Kopf nach hinten und beobachtete ihn mit leerem Ausdruck.
„Wo kann er nur sein? Ich will verdammt noch mal weiter“, sagte Tandriel genervt.
Und wie die Antwort auf ihre Frage hörten sie ein schrilles und kaltes kreischen, dass ihn einen schauer verpasste.
„Hast du das auch gerade gehört?“, fragte Thalomir leise, und blickte sich zu allen Seiten um. „Natürlich hab ich es gehört“, antwortete Tandriel mit zitternder Stimme. Dann hörten sie es ein zweites Mal, nur diesmal schien es bereits viel näher zu sein.
Hals über Kopf stürzten sie zurück in den Karren, um sich unter der Plane zu verstecken und noch während sie rannten, sah Thalomir über den Bäumen das, was den schrecklich Lärm verursacht hatte, drei riesig Vögel in goldener Rüstung.
„Was sind das für Wesen?“, fragte Thalomir schließlich, als sie sich versteckt hatten
„Wieso, hast du sie etwa gesehen?“, fragte Tandriel aufgeregt.
Thalomir schüttelte den Kopf. „Es waren Vogelkrieger oder so etwas in der Art, mit einer metallenen Rüstung.“
Tandriel schaute ihn entsetzt an. „Was?“, schrie er laut, „das kann nicht sein, das sind Harpyien, was wollen die von uns?“ Er atmete heftig. „Wenn das wirklich stimmt und sie unseretwegen hier her kommen, dann müssen wir hier sofort raus!“
Draußen hörten sie die Flügelschläge der unbekannten Angreifer und es hörte sich ganz so an, als ob sie zum Landen ansetzen würden. Thalomir und Tandriel saßen unter der Plane fest. Sie mussten jetzt handeln. Waren die Harpyien erst mal auf der Erde, hatten sie keine Chance mehr ihnen zu entfliehen.
„Wir müssen zum Geisterpass rennen,“ sagte Thalomir schnell.“ Ich weiß von meinem Vater, dass Tiere den Pass intuitiv meiden, also hoffen wir darauf, dass das auch für Harpyien zutrifft.“
„Ok, dann nichts wie los“, rief Tandriel und die beiden stürmten aus ihrem Versteck. Direkt über ihnen schwebten die majestätischen Vogelkrieger. Ihre Rüstung und ihr Helm glänzten in der grellen Morgensonne so sehr, dass sie davon geblendet wurden. Sie rannten so schnell sie konnten und bauten gleich zu Beginn einen guten Vorsprung auf, aber der Pass schien ihnen noch ewig weit weg zu sein. Die Bäume am Rand des Weges rauschten nur so an ihnen vorbei und die kreischenden Harpyien kamen immer näher. Thalomir blickte kurz über seine Schultern nach hinten. Sie hatten sie beinah eingeholt und kamen mit gewaltigen Schritten auf sie zu. Der Pass war nur noch wenige Schritte von ihnen entfernt, aber die Harpyien saßen ihnen im Nacken und waren kurz davor ihre Opfer nieder zu werfen und zu ergreifen
Thalomir meinte den Atem eines Vogels am Nacken zu spüren, da ertönte ein gewaltiger Schrei. Ohne sich um zu drehen, rannten sie in den großen Spalt des Berges.
Es dauerte eine Weile, bis sich Thalomir überwunden hatte ein zweites Mal hinter sich zu blicken. Erleichtert stellte er fest, dass ihre Angreifer gelandet waren und vor dem gewaltigen Pass halt machten. Völlig außer Puste und mit viel Überwindungskraft rief er
„Stop!“
Er ließ sich auf den Boden fallen und atmete tief durch. Noch nie war er in seinem Leben derart schnell vor etwas davongerannt. Die Freude, das Wettrennen überstanden zu haben, ließ ihn lächeln, das schon bald in lautes Lachen überging , in das Tandriel sofort mit einstimmte. Sie erhoben sich von Boden und sahen sich zufrieden an.
„Das war verdammt knapp“, sagte Thalomir und sah den Vögeln am Eingang des Passes nach, die sich mit wütendem Gebrüll davon machten.
„Das kannst du laut sagen. Nur was in Enèls Namen wollten die von uns? Harpyien greifen eigentlich nie grundlos an, die, oder irgendjemand wollte etwas von uns haben, oder uns tot sehn.“
„Was meinst du mit irgendjemand?“, fragte Thalomir verwirrt und immer noch heftig atmend.
„Harpyien sind Söldnerwesen, die meist unter dem Einfluss eines Meisters stehen.“
Schweigsam standen sie auf und erst jetzt, wo der Schrecken aus ihren Knochen gewichen war, nahmen sie die Umgebung wahr. Die gigantischen Felswände an jeder Seite bildeten eine gerade Linie deren Ende sie nicht erblicken konnten und in der Höhe übertraf es alles, was sie jemals gesehen hatten. Die Steinwände war bröselig, so dass immer wieder Brocken von oben herab stürzten und einen hellen, hallenden Klang verursachten. Irgendetwas hatte der Ort an sich das Thalomir nicht ganz geheuer war, sicherlich hatten die Harpyien auch einen guten Grund gehabt sie nicht biss in den Pass hinein zu verfolgen.
Die Sonne stand bereits hoch über ihnen und sie hatten noch keine Pause gemacht, zu wertvoll erschien ihnen die Zeit. Mit den Harpyien, hatten sie für den Tag schon genug Ärger gehabt. Die Worte Tandriels, machten Thalomir große Sorgen, denn sie hatten nichts von besonderem Wert bei sich, zumindest das konnte er von sich mit Sicherheit behaupten. Also musste irgendjemand sie tot sehen wollen. Aber wer? Es wäre ihm neu, dass die Stadtwache von Metheronia im Besitz von Harpyien Söldnern wäre und das war der einzige Feind, den er in dieser Hinsicht kannte. So angestrengt er auch nachgrübelte, er kam auf kein schlüssiges Bild.
„Warst du schonmal in Goran?“, fragte Thalomir um ein wenig auf andere Gedanken zu kommen.
„Früher war ich öfters mal da, um meine Tante zu besuchen, aber das ist schon sehr lange her.“
„Und?“, fragte Thalomir interessiert, „ist es da wirklich so, wie man es sich erzählt?“
„Naja, besser als in Meteronia ist es allemal“, sagte Tandriel und lächelte warm. „Zu viel Hass und Macht regieren die Stadt. Ich bin eigentlich ganz froh mal ein wenig weg zu kommen.“
„Und wieso warst du jetzt schon so lange nicht mehr da?“
„Tja, der Geisterpass ist nicht der eigentliche Weg nach Goran, von dem haben wir erst durch deinen Vater gehört, sondern das Tor der Riesen. Man weiß nicht, von wem es erbaut wurde. Aber ich kann dir sagen, es macht seinem Namen alle Ehre. Schon seid einigen Jahren ist es jetzt geschlossen und keiner weis so richtig was dort vor sich geht.“
„Wie kann denn das möglich sein? Man muss doch irgendwie versucht haben Kontakt durch den Pass aufzunehmen.
„Ich glaube nicht, dass sonst noch jemand außer uns von dem Pass weiß. Ich bin schon eine menge herum gekommen, was nicht viele in diesem verkorksten Land von sich behaupten können und habe trotzdem nichts von einem zweiten Pass nach Goran gewusst, noch davon gehört.“
„Der Pass schien mir aber recht offensichtlich und kaum zu übersehen sein.“
„Vom Pass an sich wissen vermutlich schon einige, aber nicht wohin er führt, genauso wenig wie man weiß ob das Tor der Riesen wirklich von Menschen erbaut wurde.“
„Ich glaube kaum, dass es von Tieren gebaut wurde.“
Tandriel lachte laut auf. „Es gibt noch jede Menge, was du Grünschnabel lernen musst.“
„Was soll denn das heißen?“, fragte Thalomir beleidigt.
„Das heißt nur, dass du noch nicht viel von der Welt gesehen hast, aber das holen wir schon noch nach!“, gab Tandriel mit einem Augenzwinkern zu verstehen. Thalomir hatte nie sonderlich Sehnsucht nach einem Bruder gehabt, aber so wie Tandriel stellte er ihn sich vor und er war froh, dass er ihn begleitete.
Die Zeit zog sich hin und es der Ausgang war immer noch nicht in Sicht. Thalomir kam es vor, als ob sie bereits Stunden unterwegs waren, aber die Sonne im Gegenzug bewegte sich kaum. Die Zeit schien im Pass eine völlig andere Bedeutung und andere Regeln zu haben. Auch wenn es eigentlich keinen Grund gab sich zu fürchten, wuchs sein Angstzustand, je weiter sie in den Pass schritten. Er fühlte sich beobachtet und all seine Sinne hatten sich verändert, er sah die Welt durch andere Augen, durch eine Art Schleier. Es war wie ein beängstigender Traum, bei dem er nicht genau wusste, ob er echt ist, oder nicht. Die Sonne schien heiß und die kalten Schweißperlen kullerten von seinem Gesicht. Er schaute unauffällig zu Tandriel, den er in der Zwischenzeit völlig vergessen hatte. In seinen Augen erkannt er, dass er ähnliches durchmachte. Sie schauten riesengroß und angsterfüllt stur auf den Boden. Plötzlich ertönte ein schrilles Piepsen direkt an seinem Ohr, das immer lauter wurde. Es war als versuchte etwas in ihn einzudringen. Er wusste nicht, ob er weiter laufen sollte, oder doch lieber so schnell wie möglich zurück rennen, denn viel länger hielt er es nicht mehr durch. Es fiel ihm schwer zu atmen, sein Herz raste und zu allem Übel durchbrach ein schriller Schrei Tandriels die Luft. Thalomir dreht sich zu ihm um, er schaute panisch auf den Boden, der über und über mit schwarzen Vipern bedeckt war. Hilflos und kurz davor seinen Verstand zu verlieren blickte er ihn mit eisig kalten Augen an. In diesem Augenblick, dem Höhepunkt aller schrecklichen Geschehnisse wurde Thalomir vollkommen ruhig, all seine Angst verwandelte sich in pure Gelassenheit und er konnte sehen, was dem Pass seine neuen Ordnungen gab. Es waren Geister, die um sie herum schwebten und ihre eigenen Regeln zu denen des Passes machten. Aber er sah nicht nur die Geister. Alles erstrahlte in einem anderen Licht . Selbstbewusst stand er den Kreaturen gegenüber, die Einlass in seine Seele forderten. Er hatte keine Angst mehr, denn er wusste genau, dass er über ihnen stand. Die Geister hörten auf sich zu bewegen und standen still. Ihre Blicke waren auf Thalomir gerichtet. Er sah direkt in ihre Augen, die stechend scharf und hilflos zugleich versuchten, ihn zu durchdringen. Wie auf einen Befehl hin ließen der Geist Tandriel aus seinem eisigen Griff los und wich von ihm zurück. Er sah mitgenommen aus und blickte verwirrt auf Thalomir. Dann fiel er in Ohnmacht.
Es dauerte über eine Stunde, bis Tandriel wieder zu sich kam. Er blickte um sich und man sah ihm an, dass es ihm bereits viel besser ging.
„Was ist denn passiert?“, fragte er noch etwas niedergeschlagen.
„Geister haben uns angegriffen. Sie wohnen hier im Pass“, antwortete Thalomir ruhig, um ihn nicht in Panik zu versetzen. „Aber keine Sorge, sie sind weg.“
„Das einzige, an das ich ich mich erinnern kann, bist du irgendwo vor mir, aber da waren keine Geister.“
„Dann konntest du sie wohl nicht wahrnehmen“, antworte er nachdenklich. „Aber die Geister waren nicht das einzige, das ich gesehen habe. Da war noch ein Mann.“
„Ein Mann?“, fragte Tandriel ungläubig „Ich glaube nicht, dass sich hier sonst noch irgendjemand reinwagt. Was soll er denn auch hier gesucht haben?“
„Ich konnte nicht allzuviel von ihm erkennen, aber ich glaube er hat uns geholfen.“
„Und wie kommst du darauf?“
„Ich hab ihn zufällig bemerkt, als der Geist dich los gelassen hat. Er stand auf einem Felsvorsprung. hat uns beobachtet und es sah mir ganz danach aus, dass er die Geister unter Kontrolle gehalten hat.“
„Was denkst du, wer das war?“
„Ich weiß es nicht, aber ich denke wir werden es noch herausfinden. Komm jetzt, wir sollten den Pass endlich hinter uns lassen.“ Er reichte ihm die Hand und erst jetzt bemerkte Tandriel, wo sie sich die ganze Zeit befunden hatten, denn der Ausgang des Passes lag nur noch wenige Schritte von ihnen entfernt. Ein beängstigendes Gefühl beschlich ihn bei dem Gedanken, dass er beinah, so kurz vor dem Ziel, den Verstand verloren hätte. Erleichtert traten sie aus dem Spalt des geheimnisvollen Berges und atmeten die frische Luft Gorans ein.
Der Tag neigte sich langsam dem Ende, und die untergehende Sonne tauchte den Himmel in ein Spiel roter Farben. Sie standen auf einem kleinen Felsen und direkt vor ihn war ein Abgrund der ihnen einen Blick auf das Blätterdach eines riesigen Waldes gewährte. Eine sommerlich warme Briese wehte um ihr Gesicht und sie genossen die zauberhafte Sicht über das Land.
„Wir sollten unser Lager aufschlagen.“, sagte Thalomir noch immer mit dem Blick über die Landschaft schweifend. „Hier sind wir sicherer als im Wald und ich will heute auch nicht mehr weiter.“
„Dann geh ich jetzt erstmal Holz fürs Feuer holen.“
Ohne zu antworten, oder den Blick abzuwenden setzte sich Thalomir nieder und genoss den Frieden.
Kapitel 3
Salâtas
Am nächsten Morgen wachte Thalomir vom Geraschel Tandriels auf, der gerade seine Sachen packte. Er bemerkte die Feuerstelle direkt neben ihm und blickte begierig auf den silbernen Topf inmitten der schwach glimmernden Glut.
„Ich hab gestern noch was zu essen gemacht. Wenn du willst, kannst du es als Frühstück haben.“
Ohne näher auf den Inhalt einzugehen, schnappte sich Thalomir den Topf und schlang die Grütze aus zerdrückten Kartoffeln und Hirse hinunter. Er hatte gestern nicht besonders viel gegessen und war froh, endlich wieder etwas in den Magen zu bekommen.
„Sag mal“, fragte er mit noch halb vollem Mund, „haben wir auch noch Wasser?“
„Nein, das letzte hab ich gestern zum Kochen der Hirse verwendet.“
„Und jetzt?“, fragte er.
„Jetzt müssen wir hoffen, dass wir möglichst schnell irgendwo welches her bekommen, aber die Chancen stehen nicht schlecht, dass wir im Wald was finden.“
Tandriel, der zu Ende gepackt hatte, nahm seinen Bogen in die Hand und überprüfte ob er Schaden genommen hatte. Er war aus dunklem Holz mit wunderschönen Verzierungen und Thalomir dachte, er würde selbst einem König alle Ehre machen.
„Woher hast du denn den Bogen?“, fragte er und versuchte dabei nicht zu beeindruckt zu klingen.
„Den hat mir meine Tante geschenkt. Er ist anscheinend aus einem sehr alten und seltenen Holz. Ich kann nur sagen, dass er sich beim Jagen mehr als bewährt hat, aber die Sehne muss erneuert werden, sie spannt nicht mehr richtig.“
„Darf ich ihn mal nehmen?“
Tandriel reichte ihm den Bogen. Er war viel leichter, als es sich Thalomir vorgestellt hatte. Er packte den ledernen Griff und spannte die Sehne.
„Meinst du, wir können uns später mal was kleines jagen?“ Fragte Thalomir noch immer mit dem gespannten Bogen in der Hand.
„Klar, warum nicht?“
Der schöne Himmel von gestern war einem trüben Grau gewichen und die Luft hatte über Nacht stark abgekühlt, was Thalomir jedoch nicht die Stimmung verdarb. Er freute sich auf den heutigen Tag und auf das schöne Goran. Ein letzter Blick über das weite Land bedeutete den Aufbruch der beiden und sie machten sich an den Abstieg. Mehr oder weniger reibungslos kamen sie unten an und fanden sich plötzlich von dicht neben einander stehenden Bäumen wieder. Der nächste Halt auf ihrer Reise würde Sâlatas sein, die Hauptstadt Gorans und Tummelplatz der exotischsten Dinge der Welt.