Zitat:
|
Zitat von Provokateur
Das eigentliche Übel sind nicht die Politiker sondern die Parteien und die Bürokratie. Ich habe die Erfahrung gemacht das viele Neu ins Parlament gewählte durchaus gute und ehrliche Charakter sind, zumindest solange bis ihnen durch Fraktion und Bürokratie schnell klar gemacht wird, wie sie sich zu verhalten haben.
|
Den Punkt könntest Du näher erläutern. Wer oder was ist hier "die Bürokratie"? Die Parteivorstände? Und ist es nicht eigentlich wünschenswert, dass der einzelne Abgeordnete sich mehr oder weniger dem Diktat der Parteigremien beugen muss? Wo wäre die Alternative? Politiker, die nur ihrem Gewissen unterworfen sind? Das mag ja im GG so vorgesehen sein, macht den Politiker für mich als Wähler aber ganz schön unberechenbar, da ich ihn persönlich nicht kenne. Parteien sind unverzichtbar als "Label", dass dem Wähler Orientierung gibt. Das "Label" muss dann aber auch sein Image pflegen, und as geht eben nicht ohne Bürokratie.
Womit wir wieder beim Thema wären: Wie kann eine Partei sich auf dem poltischen Markt profilieren, wenn die großen Debatten ausgekämpft scheinen, somit neue ideologische Innovationen fehlen? Warum fehlen diese Innovationen überhaupt, und mit ihnen die Charakterköpfe?
Meine These: Wir haben es hier zumindest teilweise mit einem ganz normalen Professionalisierungsprozess zu tun. Einzelne Aspekte:
1) gereifte Diskussionsprozesse:
Damit meine ich den Umstand, dass die parteiinternen Diskussionen nach jahrzehntelangem Bestehen der Parteien mit den Parteimitgliedern gereift sind. Regierungsbeteiligungen leisten dem natürlich Vorschub. Friedenpolitik war für die Grünen beispielsweise plakativer diskutierbar, als man noch die Unschuld die Kommentators auf der Oppositionsbank saß. Da musste man nicht jedes Detail beachten.
2) Das vorläufige Ende der Blöcke:
das Ende des OWK als Faktor wurde ja schon angesprochen und ich muss es nicht wieder durchkauen. "Der Russe" fehlt einfach als Objekt von Hass und Versöhnung.
Al Qaeda taugt leider auch nur bedingt als Ersatzrusse, weil diese Widerlinge einfach niemand mag.
3) Professionaliserung des politischen Personals:
Ihr dürft es auch als "Amerikanisierung" bezeichnen. Im massenmedialen Zeitalter wird es für den politischen Erfolg zunehmend wichtig, das richtige Lächeln, die richtige Rhetorik, den professionellen Umgang mit den Presseleuten zu haben. Die Komplexität der Sachverhalte legt es zudem nahe, dass Du an der Uni warst, am besten als Volkswirt oder Jurist. Ein Arbeiterheld wie Brandt oder dickschädliger Querulant wie Strauss hätte es heute nicht leicht, sich auf die Bundesebene hochzuarbeiten. Dazu kommen noch die Profis in den Marketing-Zentralen der Parteien, die den Parteien ein belangloses aber wählbares Imgage verpassen.
Die SPD war eine Vorreiterin in diesem Prozess (Stichworte: "Neue Mitte", Schröder), die CDU hat längst nachgezogen.
4) Die "Catch-All Party" / Allerweltspartei
...ist ein spezielles Problem der beiden politischen Elefanten. Ihre Größe verdanken sie gerade ihrer Profillosigkeit, die sie jenseits ihrer taditionellen Milieus wählbar macht. Die CDU wurde bereits unter Adenauer zur Catch All Party, die SPD hat in Bad Godesberg nachgezogen.
5) Kartellisierungen innerhalb der Parteien.
Hier möchte ich an Provokateur anknüpfen: Die Fraktionen sind ein Problem, aber weniger für den Abgeodneten. Die Fraktionen mitsamt ihrer Abgeordneten können ein Problem für die Parteien sein. Gemeinsam mit den Profi-Poliltikern anderer Parteien könnten sie (so der Vorwurf der Politologen Katz/Meir) den politischen Meinungsbildungsprozess kartellisieren, d.h. neue politische Angebote erfolgreich vom Meinungsmarkt fernhalten. Wie machen sie das? Durch ihre Dominanz an finanziellen und PR- Ressourcen steuern sie die Entscheidungsprozesse innerhalb ihrer Parteien von oben nach unten. Der Parteipöbel wird nur noch als Plakatekleber und Fähnchenschwenker im Wahlkampf benötigt.
Dadurch sinkt dann eben der Unterschied zwischen den Parteien. Nur noch die gemäßigten, von Politprofis ausgearbeiteten, für künftige oder bestehende Koalitionen weichgespülten Vorschläge finden ihren Weg in die Parteiprogramme.