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Korrupt
Boeses junges Fleisch
 
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Registrierungsdatum: Mar 2000
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Schleichert: Wie man mit Fundamentalisten diskutiert, ohne den Verstand zu verlieren

Huhu,

das Buch diesen Titels hab ich mir nach einigem ueberlegen letztens doch gegoennt und heut in zwei Etappen an einem Tag durchgelesen, das geht naemlich problemlos.

Hintergrund: ich klopp mich an anderer Stelle bisweilen mit Para- und Pseudo"medizinern" und "wissenschaftlern" rum, und hatte da im Lauf der Zeit eine Reihe von typischen Forendiskussionsstrategien erkannt, nach denen die Leute recht verlaesslich ticken. Schleichert geht als Beispiel vom religioesen Fundamentalismus aus (sein Beispiel, schoen und konsequent analysiert: das Christentum), das wusste ich im Vorfeld, aber ich hoffte, auch so sollte es fuer meine Gemuetsruhe wohltuend sein.

Was will ich sagen? Wer schon ein wenig rhetorische Vorbildung hat, der wird im ersten Teil wenig neues lernen, aber trotzdem schoen aufbereitet ne Reihe basics an zulaessigen und unzulaessigen Argumentationsstrukturen finden, die einem sicher bisweilen helfen koennen.

Der zweite Teil macht definitiv mehr Spass: hier beschreibt er, wie man, je nach Etablierungsgrad der jeweiligen Fundamentalismen innerhalb der Gesellschaft gut gegensteuern kann und welches das erfolgsversprechendste eigene Ziel dabei sein sollte. Wer ausgiebig Voltaire und Diderot gelesen hat, wird hier vielleicht auch bisweilen ein wenig mehr Beispiele und Quellen haben wollen, wer stark christlich gepraegt ist, wird die Beispiele bisweilen nicht moegen und die zutiefst areligioese Grundstruktur des buchs ebensowenig. Wer ueberzeugter Marxist ist, wird weiterhin auf den einzigen Denkfehler des ansonsten sehr eloquent geschriebenen Buchs stossen: Schleichert setzt den Marxismus, besonders jene Stroemung aus Zeiten und Laendern des "real existierenden" Sozialismus mit einer Religion gleich und analysiert ihn analog zum und wie einen religioesen Fundamentalismus. Angesichts des Erscheinungsdatums (1996), als doch noch recht viele vom Ende der Geschichte traeumten, ist dieser Fehler aber vollkommen verzeihlich.

Mir hat das Buch Freude gemacht, auch wenn die beiden Hauptgruende zum Waende hochgehen bei Netzdebatten - schiere Dummheit und selektive Wahrnehmung - nicht behandelt wurden. Wer weiss, vielleicht publizier _ich_ dazu mal nen Artikel

Becksche Reihe, 9komma9 Euronen.
Alt 21. 07. 2003, 17:47 Korrupt is offline Mit Zitat antworten #1
uk-world
Mädchen für alles
 
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Sollen wir dir nicht lieber direkt 9 Euro überweisen
Klingt fast wie Werbung...
Ist das Buch was für ungebildete Leute?

gruss uki
Alt 21. 07. 2003, 20:29 uk-world is offline Mit Zitat antworten #2
Korrupt
Boeses junges Fleisch
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definiere ungebildet

Werbung, nun ja, von mir ists nicht Der Bub ist Prof an der Uni Konstanz und ungefaehr 40 Jahre aelter wie ich. reicht das als Unterscheidungsmerkmal? mir hats halt gefallen *g*, und ich hab bislang wirklich selten ne rezenzion geschrieben.

Nun habe ichs grade natuerlich der Freundin mitgegeben, von daher keine leseprobe. Er gibt sich Muehe, verstaendlich zu schreiben, d.h. man muss nicht grade an der Uni sein. Ein Basis - fremdwortschatz ist scon vorausgesetzt, aber keinesfalls irgendwelche obskure Fachsprache - er richtet sich ans breite, interessierte Publikum. Klar ists gut, wenn man ein klein bisschen was weiss. Ich weiss bloss nicht mehr, wie das ist, wenn man von nichts ne Ahnung hat, von daher kann ich den "Ungebildeten" nur sehr bedingt raten Im ernst - ich denk, wenn man vom Gymi kommt und bisweilen ne Tageszeitung von fern sieht, kann mans gut lesen. Wenn nicht, dann sollte man vielleicht ein wenig eine Basis an Allgemeinwissen und ... ach, ich nenns mal, verstaendnis und Interesse mitbringen, aber da kann ma dann aus vielen Ecken kommen - das mag religionsgeschichtlich nett zu lesen sein, in bezug auf Rhetorik auch, und in Bezug auf aktuelle Gut/Boese- Debatten sowieso.

200 Seiten, vergass ich zu erwaehnen.
Alt 21. 07. 2003, 20:50 Korrupt is offline Mit Zitat antworten #3
uk-world
Mädchen für alles
 
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200 Seiten das geht fix
Den Allgemeinbildungsgrad erreiche ich grade so...mit ach und krach. Wenn du es mal wieder hast kannst ja mal ne Seite einscannen und mir mal schicken, dann seh ich schon ob der Schreibstil mir liegt.
Danke für die Info

gruss uk
Alt 22. 07. 2003, 07:30 uk-world is offline Mit Zitat antworten #4
The -Saint-
Sapere aude!
 
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Mmm... klingt interessant. Könntest du mal bitte einen kurzen Abriss über den 1.Teil (Argumentationsstrategien) geben? Dreht sich das eher um konkrete Strategien oder um abstrakte Kommunikationspsychologie? Würd mich nämlich mal interessieren.

[edit]
Oder machen wir´s so: falls du UK-World einen Auszug schickst, mail mir den doch bitte auch!
Alt 03. 08. 2003, 16:44 The -Saint- is offline Mit Zitat antworten #5
Korrupt
Boeses junges Fleisch
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Ich habs meiner freundin ausgeliehen, deshalb kann ich grade schwer ins Detail gehen.

Der erste teil sind schon konkret rhetorische Figuren. Beispiel:

In jeder Diskussion muss gelten:
"gewisse Zwischenschritte können als bekannt vorausgesetzt werden"

Sonst kommt es (ich meine, bei Hofstadter mal wieder) zu Situationen wie
a: gestern sah ich...
b: gestern sahen sie? Daraus schliesse ich, dass sie gestern sehen kopnnten, d.h. mindestens ein Auge haben mussten, welches funktionstuechtig war. Koennen sie das belegen?

Das ist nun sehr absurd.

Wenn man nun aber beispielsweise kommt mit einer Aussage wie

"Die Rücksichtslosigkeit der Impfmafia erkennt man daran, dass sie voellig rücksichtslos Formaldehyd in die Impfstoffe mischt"

setzt man als bekannt voraus, dass Formaldehyd in der enthaltenen menge eine giftwirkung habe und es sich bei gewissen gesundheitsinstitutionen um zumindest kryptokriminelle Vereinigungen handelt. Beides wird vorausgesetzt, entspricht an sich nicht den Tatsachen, aber muss nun erstmal angestrengt demontiert werden. Beobachtende Dritte rufen "Ha, er dementiert! Also ist was dran!" - Wirkung im Sinne des Fanatikers.

Solche elementaren Formen, Regeln, Grundsaetze der Rhetorik, wie sie verwendet werden und im Sinne von Fundamentalisten eingesetzt werden koennen.

Mehr fallen mir grade spontan nicht ein (verdammt).
Alt 03. 08. 2003, 22:19 Korrupt is offline Mit Zitat antworten #6
bertolt
kapituliert
 
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Beiträge: 1.671
@ The -Saint-

Zitat:
Original geschrieben von The -Saint-
Könntest du mal bitte einen kurzen Abriss über den 1.Teil (Argumentationsstrategien) geben? Dreht sich das eher um konkrete Strategien oder um abstrakte Kommunikationspsychologie?
Ich weiß nicht, ob »Argumentationsstrategien« das treffende Wort ist, es werden bei Schleichert einfach Elemente des Argumentierens abgehandelt. Stichwörter sind da beispielsweise: Das Differenzierungsargument, das Mißbrauchsargument, Freak Cases, das slippery-slope-Prinzip, das Argument ad temperantiam, das Argument ad hominem, das Argument ad misericordiam, das Argument ad nauseam, das Argument ad lapidem, Das Tu-quoque Argument...
Im Falle vom slippery-slope-Prinzip liest sich das dann so:[q]Das slippery-slope-Prinzip

Man argumentiert für eine These über einen strittigen Fall, indem man auf einen anderen, nach allgemeiner Meinung unstrittigen, schrecklichen hinweist, und behauptet, daß der strittige Fall nur eine Vorstufe des schrecklichen sei. »Wehret den Anfängen!« ist eine prägnante Kurzfassung dieses Prinzips: Abtreibung gehört verboten, denn wenn man einmal damit beginnt, Leben zu zerstören, wo wird es noch Grenzen geben! Abort in der 1. Woche soll erlaubt sein, in der 30. Woche nicht, das ist inkonsequent! Und warum nicht auch Alte und Kranke töten? [...][/q]Gruß!

b
Alt 05. 08. 2003, 17:15 bertolt is offline Mit Zitat antworten #7
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