Die hier ist mir in einer Phase spätpubertärer Depression eingefallen. Bin selbst überrascht, wie gut die geworden ist. Vielleicht nicht einfach für den Leser zu verstehen, weil ich selbst zuviel damit verbinde, aber ich denke dennoch lesenswert.
Ich kam in das Krankenzimmer. Dort lag er in seinem Bett, das Beatmungsgerät neben ihm.
Man hatte mich davon abhalten wollen zu ihm zu gehen, aber ich konnte einfach nicht anders. Ich wusste ja selbst, dass das nicht gesund wäre, aber ich konnte einfach nicht anders.
Er war wach, aber er konnte nicht sprechen. So stand ich vor ihm und er schaute mich an. Ich zitterte und in meinen Augen muss er wohl etwas gesehen haben, jedenfalls hörte ich, wie das rhythmische Piepen des EKGs ein wenig schneller wurde. Ich ignorierte das Gerät und ging noch näher an das Bett, bis ich mich darauf stützte. Wir waren jetzt quasi Auge in Auge gegenüber.
„Du weißt wer ich bin?“
Er konnte nur kurz nicken. Ich stellte mir vor wie das EKG noch schneller tickte.
Ich nickte auch nur kurz, ohne ihn aus den Augen zu lassen.
„Du brauchst keine Angst haben, ich will dich nicht umbringen oder so was!“
Ich glaube das EKG wurde ein wenig langsamer.
„Nein, ich will dich nicht umbringen.“ Ich lachte kurz auf. „Wenn ich dich umbringen würde, wärest du frei. Was auch immer nach dem Tod kommen mag, ob Vergessen oder Reinkarnation oder wo immer du auch sonst hingehen würdest. Du wärest frei!“
Das Piepen wurde noch langsamer.
„Nein, ich will dass du nicht frei bist! Ich will dass du in deinem Körper bleibst. Ich will dass du in dieser Welt bleibst. Ich will, dass die Gesetze über Sterbehilfe auch für dich gelten.“
Ich baute mich vor ihm auf und schaute ihm so tief in die Augen wie ich nur konnte.
„Ich will, dass du bis an dein Lebensende in diesem zerstörten Körper bleibst, weil ich weiß, dass du nie wieder etwas tun könntest. Du wirst nie wieder alleine pinkeln oder scheißen können. Du wirst nie wieder ficken können. Du wirst nie Kinder haben können, niemals...“
Mir brach die Stimme ab, als ich das letzte Wort sprach. Ich fing mich wieder.
„...niemals lieben können!“ Ich atmete stotternd wieder ein. „Nein glaub mir, der Gedanke daran dass du bis an dein Lebensende an einen Rollstuhl gefesselt sein wirst, nicht mal fähig dich mitzuteilen, weil deine Stimmbänder zerstört sind, glaub mir, das nenne ich Gerechtigkeit! Du wärest noch nicht mal fähig, dich selbst umzubringen!“
Ich straffte mich und kniff die Augen zusammen „Weißt du wer mir eigentlich leid tut?“ Er starrte mich nur stumm an.
„Mir tun die Krankenschwestern leid, die dich von nun an pflegen müssen. Die deinen kaputten Körper abends und morgens waschen und anziehen müssen, die dir Abschaum den Arsch abwischen müssen. Glaub mir, die wissen warum du im Krankenhaus liegst und was du angestellt hast. Meinst du sie werden dich besonders gut behandeln? Wenn dir mal die Nase juckt, meinst du sie werden kommen um sie dir zu kratzen?“ Ich schüttelte ganz langsam den Kopf.
Ich bemerkte dass er anfing zu zittern, aber ich fand das reichte noch nicht.
Ich schwieg ein paar Minuten, den Kopf in meinen Händen vergraben. Er beruhigte sich langsam, aber ich bemerkte dass er ziemlich stark schwitzte. Ich lächelte schwach, denn was ich ihm eben alles erzählt hatte wusste er ja schon. Das sollte nur den Zweck haben, mich abzuregen. Die Bombe die ich jetzt abwerfen würde, käme in ihrer Wirkung wohl einer Atombombe gleich. Sofortige Zerstörung und danach Fallout.
Ich lächelte ihn schwach an und musste belustigt feststellen, dass er mich schockiert anstarrte.
„Ich hätte dir jetzt die Kabel rausziehen können und du wärst sofort verreckt, bevor dich jemand retten könnte. Aber wie gesagt, ich will ja, dass du bis zu deinem Tode leidest, oder bis jemand wie Hitler wieder an die Macht kommt und die Euthanasie wieder zulässt. Bis dahin werden die Kliniken und Krankenhäuser bestens_für dein Wohl sorgen. Aber vor allem will ich nicht, dass wo auch immer sie jetzt ist, ich will nicht dass du auch an diesem Ort bist!“
Ich könnte schwören dass da eine Träne in seinem Augenwinkel hing. Er fing wieder an zu zittern.
Ich schüttelte den Kopf „Nein beruhig dich, du kannst eh nichts daran ändern, meine Entscheidung steht fest. Verstehst du, ich will nicht, dass DU an diesem Ort bist...“
Er hörte auf zu zittern und riss die Augen auf. Ein Funken Verständnis war darin zu sehen. Mehr musste ich wohl nicht sagen.
Ich setzte mein Lächeln ab. Langsam fing ich wieder an zu zittern. „Bei diesem Unfall hast du nicht nur ihr Leben und deins zerstört...“
Ich beugte mich langsam vor, meine Stimme zitterte „...sondern auch meins!“
Er starrte wie ein Fisch.
Ich lehnte mich wieder zurück und schaute mich um „Das hier alles bedeutet mir nichts mehr, was soll ich noch hier? Das hat alles seine Bedeutung für mich verloren, seit du gegen diesen Baum gefahren bist. Nichts ist mir noch irgendwas wert. Gar nichts!“
Er starrte immer noch. Ich starrte zurück.
„Bleibt also nur noch eins zu tun, nicht wahr?“ Meine Stimme klang wie Blei.
Ich meinte sehen zu können, wie er versuchte seinen Kopf zu schütteln. Knifflig, wenn einem die Wirbelsäule unterm Hals gebrochen ist und der Kopf in einer Stütze liegt.
Ich legte ihm die Hand auf die Stirn „Sssch, hör auf damit, das nützt doch jetzt auch nichts mehr!“
Ich schaute ihm mit einem ehrlichen, glücklichen Lächeln an. „Ich will dir danken, dass du mir zugehört hast. Ich hoffe du wirst dich Zeit deines Lebens an dieses Gespräch erinnern!“
Ich stand auf und öffnete die Tür. „Auf Wiedersehen!“