Hallo liebe Gulli-Gemeinde,
habe vor kurzer Zeit angefangen an einer Geschichte zu schreiben.
Ich nenne diese Geschichte vorläufig "Harry der Ladendieb". Was im Folgenden zu erlesen ist, ist eine Rohfassung, an jener ich regelmäßig weiterschreibe, somit dürften sich sicherlich nicht zuletzt einige orthografische Fehler eingeschlichen haben.
Es interessiert mich, wie Euer Feedback dazu ausfällt. Viel Freude beim Lesen!
Harry der Ladendieb
Erstes Kapitel
Harry steht vor dem Super2000 Supermarkt und zündet sich eine Zigarette an. „Ok, ich geh jetzt rein und stehle eine Packung Schweinefilet, Reis und ne Soße. Danach geh ich durch den Getränkemarkt raus, weil es dort wegen dem wenigeren Betrieb am sichersten ist. Das gibt dann ein deftiges Abendessen.“ Denkt sich Harry. Er zieht den letzten Zug seiner selbstgedrehten Zigarette, schnippst sie auf den Boden und geht gelassen an den am Supermarktparkplatz parkenden Autos vorbei, durch die automatische Schiebetür in den Laden hinein. Dabei versucht der frisch geduschte Harry möglichst unauffällig zu erscheinen, sich an etwas Erheiterndes zu erinnern. Er denkt zurück an seine schielende Schweinchenaugen Klara. Einmal zog sie versehentlich den Lippenstift über den Rand ihrer Oberlippe hinaus und hatte eine rote Linie im Gesicht. Was ihr erst auffiel, als sie Harry traf. In dem Moment schätzte er seine gesunden Augen. Der Gedanke an sie brachte ihn zum Lächeln. Harry läuft an den Gemüseregalen vorbei über die Süßwarenabteilung zu den Tiefkühltruhen. Dort holt er ein großes in Folie verpacktes Stück Schweinefilet heraus. An ihm läuft eine ältere Frau vorbei, lässt sich von seiner gespielten Frohlaune anstecken und lächelt ihm zu. Anschließend beim Reisregal, nimmt er den teuersten Reis und die im Nebenregal liegende asiatische süßsauer Soße heraus. Von da aus geht er gelassen zur wenig frequentierten Haushaltsabteilung, um die Sachen verschwinden zu lassen. Er sieht sich um, geht in die Hocke, öffnet den Jackenreisverschluß, zieht flott das Unterhemd aus der Hose und steckt sich das Filet sowie den Reis zwischen Bauch und Gürtel und macht die Jacke wieder zu. Die Soße steckt er sich in die Hosentasche. Er steht auf, sieht sich wieder um und ist soweit sicher, dass ihn niemand beobachtet hat. Nun nimmt er sein Handy aus der Jackentasche, hält es an sein rechtes Ohr, als er in Richtung Getränkemarkt schlendert. Jedesmal wenn jemand in seiner Nähe ist, fängt er an zu sprechen „ Aha... ja wirklich?...“. Schließlich am Vorbeigehen der Kasse des Getränkemarktes ruft er in die Sprechmuschel: „Was du bist schwanger?“ Nun schlendert er gelassen zum Ausgang an den Einkaufswägen vorbei durch die selbstöffnende Schiebetür. Die Personen an der Kasse sahen ihn zwar kurze Zeit an, aber wer würde an Diebstahl denken? Harry steckt sein Handy wieder ein und begiebt sich schnellen Schrittes zur Wohnung.
Zweites Kapitel
In der Wohnung sind schon Leo und Tom. Beide sitzen am Wohnzimmertisch rauchen und trinken Wehrmut. „Ey, Harry! Was hastn dabei?“ Fragt Leo. „Ein halbes Kilo Schweinefilet, Reise und süßsauer Soße.“ „Das ist ja korrekt. Wir ham die Flasche Martini, Nudeln und Koteletts. Gib deines her, ich werd kochen.“ Sagt Tom. „Gib dir Mühe. Ein schlechter Koch versaut die besten Mittel.“ Sagt Harry mit aufzeigendem Finger.
Tom hat bemüht das Essen zubereitet und alle drei haben es sich schmecken lassen. Harry holt sich ein Glas aus der Küche und schenkt sich etwas Wehrmut ein. „Warst du im Arbeitsamt Leo?“ Fragt Harry. „Ja. Hab mit meinem Arbeitsvermittler gesprochen und der meinte, dass man ohne Auto aufgeschmissen ist. Hier in dieser Stadt gibts momentan nichts.“ „Es gibt keinen einzigen Job für jemanden der keine Ausbildung hat. Wir sind zu dritt und außer uns gibts bestimmt noch andere die auf Arbeitssuche sind.“ „Gehen wir doch mal zur Zeitarbeitsfirma. Hier gibts doch einige in der Stadt.“ Wirft Tom ein. „Ach das sind doch die reinsten Betrüger. Da verdient die Firma mehr Geld an deiner Schaff als du selbst.“ Sagt Harry. „Erinnerst du dich noch an den Heinz, Harry?“ Fragt Leo. „Ja. Der mit dem alten Fiat, der sich angehört hat wie ein Panzer, so laut wie der war?“ „Genau der. Heinz war bei der Emax Zeitarbeit und musste 70 Km bis nach Brenz fahren. Er war ausgebildeter Schlosser und bekam selbst nur 6,50 die Stunde. Auch das Kilometergeld, was die bis vor paar Jahren noch gut zahlten, ist jetzt nur noch ein Tropfen auf dem heißen Stein.“ „Betrüger“ Sagt Harry. „Wir ham fünf Milionen Arbeitslose und das ist ja eh schon schlimm. Da hab ich gestern noch im Fernseh gesehen, dass es nur 23 Milionen Vollzeitbeschäftigte gibt. Das ist ne ganz andere Zahl.“ Sagt Tom. „Ach, darauf kannst ned gehen. Wir haben auch ne ganze Menge Kinder, Jugendliche, Studenten, erziehende Frauen, Behinderte und Rentner und was Gott noch alles, die nicht Vollzeit arbeiten können. Außerdem schneiden die diese Statistiken eh so zurecht wie es denen passt.“ Sagt Leo. „Is doch eh alles Mist.
Komm Leo, hol das Eis aus dem Kühlschrank. Ich mach Mischung.“ Sagt Harry. Er nimmt das Schneidebrettchen und das Wiegemesser unter dem Glastisch heraus und legt es darauf. Dann rollt er etwas Alufolie auf. Zupft etwas Tabak aus der Tüte, legt ihn auf die Folie und erhitzt die untere Seite um den Tabak zu rösten, jedoch nicht zu verkohlen. „So zieht die Parfümierung dampfend heraus und kratzt nicht in der Lunge.“ Flüstert Harry ohne den Blick seiner Pupillen vom Tabak zu entreissen. Jetzt fegt er den Tabak von der Alufolie mit einem Papierschnipsel auf das Brettchen. Danach zieht er das Eck kotfarbenen Haschisch aus der Hosentasche und macht es an einer Seite mit der Flamme seines Feuerzeugs heiß und bröselt es mit Daumen und Zeigefinger auf den Tabak. Jetzt metztelt er mit dem Wiegemesser darüber, bis die Mischung zu Pulver wird. Nun stellt er die 40 cm hohe Glaswasserpfeife vor sich hin, auf der der Markenslogan „The Lord is my sheperd“ des Herstellers Black Leaf unter einem Jesusbild zu erlesen ist. Dann schüttet er einen Teil des Pulvers mit dem Papierschäufelchen auf das Sieb im Kopf des schmalen Chillumrohres.
Das Wasser, jenes schon ziemlich bräunlich angelaufen ist, einem regelmäßig Kiffendem jedoch nicht zuwieder, steht nur so hoch, damit lediglich der untere Teil des Chillums im Wasser ist. Das macht das Saugen nicht allzu schleppend. Harry sieht die Lüsternen um sich herum an und sagt: „Wer baut der haut.“ – der Startspruch jenes Rituals.
Nun stellt er die Bong auf seinen Schoß und drückt den geöffneten Mund gegen den Auslauf, klemmt den Daumen an das Kickloch, feuert mit der Flamme das Dope im Kopf des Chillumrohrs an und zieht solange bis die Wasserpfeife dicht mit Rauch ist. Dann nimmt er für kurze Zeit den Mund von der Öffnung der Wasserpfeife ab, um den Rauch herauszublasen den er bis jetzt inhaliert hat, ohne den Daumen vom Kickloch zu entfernen. Jetzt zieht er noch ein wenig an der Pfeife, als er dann übergangslos das Kickloch freimacht, den Rauchstoß fest in seiner Lunge spürt, im Anschluß eine Rauchwolke herausbläßt. Seine Augen sind rötlich angelaufen und er grinst heimtückisch, wie ein Entflohener.
Drittes Kapitel
In seinem benebelten Gedankenwummel erinnert er sich an die Zeit im Jugendknast, vor einem Jahr. Aber was heißt den Knast? Es waren immerhin nur 4-Wochen Jugendarrest. Er und sein Vater gingen durch die Außenpforte der Gefängnismauer, durch den Hof in das Gebäude. Bei der Annahmestelle, wurden seine Personalien aufgenommen und geprüft. Alles klar, nun durfte er einchecken. Sich noch kurz mit den unsentimentalen Worten: „Papa, es sind ja nur 4-Wochen“ verabschieden, und rein in die Kammer zur Körperkontrolle. Die Tasche mit der Kleidung, notdürftigen Pflegemitteln und die 16 Schachteln Zigarettenration von deren wöchentlich 4 Päckchen erlaubt waren, nahm er mit. Dort warteten bereits 2 Vollzugsbeamte auf ihn. „Guten Tag. Harald Schmitt - richtig?“ Fragte der Beamte auf dessen Namensschild Harry den Namen Meier las. Es folgte das Abtasten des Körpers. „Alles bis auf Unterwäsche ausziehen.“ „Ja.“ Meier durchsucht die Klamotten, der andere mit dem Namen Müller das Gepäck.
Dort findet er sein Schulzeugnis, dass er versehentlich eingesteckt hat. „Mhm, schönes Zeugnis. Durchgefallen?“ „Nein, freiwillig wiederholt. Hatte bereits ein Zeugnis mit dem ich weitergekommen bin.“ „Wollen Sie damit vor den Anderen Eindruck schinden?“ „Nein. Zufällig miteingepackt. Die Bücher habe ich mitgebracht, weil ich was für die Schule tun will, solange ich hier bin.“ „Die Schulbücher dürfen Sie aber nicht mit in die Zelle nehmen.“ „Wieso den?“ „Ist Vorschrift. Handy, Geld samt Portmonaie ebenfalls nicht. Das nehmen wir Ihnen ab und sie bekommen es wieder wenn sie entlassen werden. Für das Geld können Sie sich bei uns etwas kaufen.“ „Was haben Sie den zur Auswahl?“ „Normale West-Zigaretten, Briefmarken und Briefumschläge.“ „Na gut. Ihre Sachen sind in Ordnung. Sie sind wegen Betrug hier, also müssen wir keinen Drogentest machen. Falls Sie uns etwas vorenthalten sollten, sagen Sies lieber gleich. Sonst kann die Haftdauer verlängert werden.“ „Nein. Ich hab sonst nichts.“ „Jetzt ziehen Sie sich an und wir führen Sie in die Wartezelle. Sie bleiben dort eine halbe Stunde länger als die anderen, weil sie zu spät gekommen sind.“ „Das war keine Absicht. Wir standen im Stau.“ „Das ist egal. Sie bleiben dort die halbe Stunde länger als die anderen und darüber brauchen wir uns nicht weiter zu unterhalten.“
Als sich Harry angezogen hatte, ging er durch den Annahmeflur, wartete bis einer der Vollzugsbeamten per Codeeingabe in einen an der Wand angebrachten Automaten, die Gittertür geöffnet hatte. Sie gingen ein kurzes Stück, blieben vor einer dunkelgrünen Metalltür auf der rechten Seite des Flurs stehen, der Beamte sah durch den Spion, suchte den passenden Schlüssel aus seinem Schlüsselbund und öffnete die dicke Eisentür.
In der Zelle befanden sich bereits um das Dutzend anderer Häftlinge. Auf den ersten Blick sah Harry das unter ihnen einige Türken, Russen und Deutsche waren. Mit ein Wenig Beobachtungsgabe lassen sich diese flott voneinander unterscheiden. Alle saßen sie mit trüber Miene auf einer an der Wand befestigten Sitzbank die rund um den Raum verlief. Neben der Tür befand sich ein Klosett ohne Klobrille, in welches niemand hineinsah. Harry setzte sich neben einen der Russen. „Wie lange bist du hier?“ Fragte ein Türke. „Vier Wochen.“ „Ich auch. Bin mal gespannt wie das wird. Knast kotzt mich voll an“ „Mein Bruder schrieb, dass hier ne Transe is.“ Sagte einer der offensichtlich deutsch war, aber allem Anschein nach das Schwörerdeutsch bei den Türken gelernt hatte. „Ist der auch hier?“ Fragte Harry. „Ja, der hat auch vier Wochen gekriegt. Kommt in ner Woche raus.“ „Hoffentlich komm ich nicht mit der in eine Zelle.“ Sagte einer der deutschen, dem Schweiß von der Stirn lief und den Eindruck machte, dass er sich noch vor dem Eintreffen mit Drogen berauscht hat. „Stell dir vor die packt dich nachts.“ Meinte Harry. „Dann musst eben mit dem Rücken zur Wand schlafen.“ Sagte der Russe neben Harry. „Seid ihr alle vier Wochen hier?“ Fragte Harry. „Nein, im JAA ist von vier Wochen bis eine Woche und Wochenendarrest.“ Sagte der deutsche dessen Bruder auch hier ist. „Wenn wirs schon alle solange miteinander aushalten müssen, dann sagt mal wie ihr heißt.“ Sagte Harry. Namensagen machte die Runde. Von denjenigen die sich bis jetzt geäußert hatten, hieß der Türke Tolga, der Russe Dima und der Deutsche Stefan. Anscheinend fanden es alle ganz recht, dass man sich vorstellte. Nun fingen alle an zu jammern. Freundin, Schulferien, Arbeit, Auto und Mutter. Jeder hatte irgendetwas was er schon jetzt vermisste. Tolga sagte: „Leute! Ich hab Geld dabei. Wenn die zu mir korrekt sind die hier vier Wochen sitzen, dann nehm ich alle Vierwochensitzer mit zu McDonalds.“ So hart waren wir.
Auf einmal öffnete sich die Tür und ein weiterer Knacki kam rein. Er setzte sich gegenüber von Harry. „Servus.“ Sagte er leise. „Ah Servus. Kommst du aus einem Dorf oder was?“ Fragte Tolga herausfordernd. „Ne, aus Degendorf.“ „Du bist jetz Schumi.“ Gelächter ging auf Tolgas Spruch durch den Raum. „Nein. Andreas.“ „Du siehst aus wie Schumi.“ „Was ist dein Problem?“ „Schumi.“ Sagte Tolga provozierend als er sich lustig machte. Harry fand das Schumi ziemlich unscheinbar aussah. Niemand den Mann im Gefängnis vermutete. Offensichtlich sah Schumi aus als käme er vom Land, seine gedunsenen Backen erzählten wortlos von Schnitzel und Weißwurst. Nun ging wieder die Tür auf, einer der Beamten las eine Liste mit Namen vor die zur Zellenzuweisung rauskommen sollten. Alle bis aus Harry und Schumi verliessen die Zelle. „Ihr musst noch eine halbe Stunde warten.“ Sagte der Beamte und schloß die Tür.
Schumi legte sich auf die Holzbank und tat seine Arme unter den Kopf, während Harry dasaß und seine Arme verschränkte. „Wie lange bist du hier?“ Fragte Harry. „Vier Wochen. Du?“ „Auch.“ „Was hastn angestellt?“ „Körperverletzung. Du?“ „Hab im Internet gehackt.“ „Was den?“ „Verschiedene Sachen.“ Einen Moment lang blieb Ruhe. „Wenn du pünktlich aus dem Knast kommen willst dann bleib gelassen. Ignorier sowas wie vorhin zum Beispiel. Dann lassen sie dich in Ruhe. Darfst dich ned hänseln lassen.“ „Ja, weis schon. Bloß ich werd immer schnell agressiv.“ „Versuch das abzustellen.“ „Ja.“ Schumi schien Harry nicht ganz geheuer. Er nahm sich vor, von den Leuten im Knast Abstand zu halten. Zwar hatte Harry immer schon ein Problem damit wenn jemand gehänselt wurde, am allermeisten wenn er selbst das Opfer war, aber er war entschlossen in Zukunft keine Farbe zu zeigen.
Viertes Kapitel
Der Beamte kam in die Zelle und rief Harry und Schumi in den Flur. Dort wurden ihnen ein Messbecher, Esslöfel, Brotmesser, Bettzeug und ein Schneidebrettchen aus weißem Plastik ausgehändigt. Den Gegenständen sah man an ihren Verbiegungen an, dass sie zum Gefängnisinterieur gehörten. Im Anschluß gings zur Zelleneinteilung. Sie wurden die breite Treppe hinauf in den zweiten Stock geführt. Dort gab es einen langen schwachbeleuchteten Flur, wo sich zu beiden Seiten dunkelgrüne Zellentüren befanden und Wände aus Backstein. Der letzte Teil des Flurs, wurde wie im Eingangsbereich von einem Gitter versperrt. „Was ist den nach dem Gitter?“ „Der Frauenbereich.“ Nun hielt der Beamte an, öffnete eine Tür auf der rechten Seite, neben derer bereits ein Kärtchen mit dem Namen Andreas Zöllner angebracht war. „Das ist deine Zelle Zöllner. Geh rein. Um halb zwei ist Einweisungsgespräch.“ Sagte der Beamte. „Bis später.“ Sagte Schumi wie jemand der einen Raum betritt und nicht sicher ist ob er ihn jemals verlassen wird. „Bis dann Schumi!“ Antwortete Harry salopp. Die Zellentür wurde mit dem lauten Geräusch des in die Türangel schlagenden Eisenbalkens versperrt. Jetzt gingen sie ein Stück weiter, bis an ein Gitter mit Tür das den Flur trennte. Auf der linken Seite des Ganges befand sich Harrys Zelle. Wie auch bei Schumi, öffnete der Beamte die Zellentür und wies ihn noch einmal auf die Besprechung hin. Harry trat in die Zelle und hinter ihm schloß sich die Tür mit jenem heftigen Eisenschlag. Der Raum war um die vier Meter lang und breit. Rechts neben der Tür befand sich das Klo ohne Klobrille. Auf der linken Seite war das Bett, auf dessen bekritzeltem Holzgestell eine fleckige graue Matratze lag. Im Zentrum des Raumes stand ein beschmierter Holztisch und neben ihm ein Stuhl der ebenfalls mit verschiedenen Einritzungen und Geschmier verunstaltet war.
Harry stellte seine Sachen auf den Boden und zündete sich eine Zigarette an, öffnete das Fenster und sah durch das Gitter hindurch. Keinen einzigen Laut konnte er vernehmen, bis sein Lauschpegel auf die von der Straße kommenden Laute stieß. Geradeaus befand sich die hohe Gefängnismauer mit dem darüber gezogenem rostigen Stacheldraht. Hinter der Mauer war der Frauenknast. Links von ihm machte das Gebäude eine Biegung und ging zur Frauenanstaltsgebäude über. Rechts sah er den Komplex der Untersuchungshaft, jener im Gegensatz zu den veralteten grauen Gebäudetrakt der Jugenarrest- und Frauenanstalt, durch die Zahl Kameras an der Mauer, sowie ein Frisch aus weißem Anstrich etwas moderner und wichtiger aussah. Auf dem Gelände des Frauenknastes zog sich ein rundlicher Trampelpfad dahin, in dessen Mitte vereinzelt Fichten standen. Davor stand eine Hütte aus dessen Kamin Rauch aufkam. Der Platz dazwischen war wenig bepflanzt und man konnte nahezu bis auf einige Flecke Gras ausschließlich nackte Erde sehen. Im Unterschied zu den durchgehenden Grünflächen der anderen beiden Gelände. Wobei einem dies einen noch fragwürdigeren Eindruck der weiblichen Gefängnisinsassen vermittelte.
Den Fraunknast, Jugendknast und U-Haft verband ein Weg aus Kopfsteinpflaster. Was bei allen drei Gefängnisen besonders stark ins Auge fiel, waren all diese verschachtelten Fenster mit ihren Gittern die nah aneinander gerückt waren. Das ganze glich einer landwirtschaftlichen Käfighaltungsanlage mit eng zusammen gepfärchten Hühnern die ihre Eier ablegen sollten.
Fünftes Kapitel
„Hey Alter komm mal ans Fenster!“ Hörte Harry plötzlich jemanden von der linken Seite seines Fensters sprechen. „Komm ans Fenster. Will bisschen labern, ist doch ends langweilig so alleine.“ Er erinnerte, es war dieser Russe Namens Dima der in der Empfangszelle neben ihm gesessen hat. „Ja, stimmt schon. Hab vorhin bisschen gepennt.“ Sagte Harry. „Ich kann nicht, das Bett ist so hart.“ „Naja, mich störts weniger. Ist gesund für den Rücken.“ „Wo kommstn her?“ „Nähe Regensburg. Du?“ „Weißenburg. Ey mein Feuerzeug ist kaputt. Hast du vielleicht ein zweites?“ „Nein, leider nicht.“ „Hab Kippen aber kein Feuer. Shit.“ „Shit Happens.“ Dennoch Harry hatte eine Idee. Er machte den Riemen seiner Reisetasche ab, band eines seiner T-Shirts dran und knotete das Feuerzeug an den linken Ärmel. „Dima?“ „Ja?“ „Hab jetzt so n Band gebastelt, an dem mein Feuerzeug dran is. Ich versuchs zu dir ans Fenster rüberzupendeln.“ „Das is cool von dir. Hoffentlich geht unten keiner Vorbei und erwischt uns.“ „Umso mehr ein Grund dafür, dass du schnell reagierst. Bereit?“ „Ja. Schwenk rüber.“ Harry lies den verlängerten Riemen aus dem Fenster hängen und versuchte zu schwenken. Er hörte das Feuerzeug an etwas knallen. „Hast du es gesehen?“ Fragte Harry. „Nein.“ „Ich versuchs nochmal. Pass auf.“ Er hielt seine Hand soweit durch das Gitter hinaus, aber er kam wieder nur in die Nähe des Fensters. „Warte kurz Dima.“ Nun nahm er ein zweites Unterhemd aus seiner Tasche und Band es an die andere Seite des Riemens. „Ok, Dima. Hab das Teil verlängert. Halt dich bereit.“ „Ja mach.“ Wieder streckte Harry seinen Arm soweit aus dem Fenster wie er nur konnte und schwenkte das Band aus einer Schaukelbewegung. Plötzlich spürte Harry den Wiederstand Dimas fangender Hand. „Ich habs!“ „Toll. Binde des Feuerzeug ab, halt den Riemen mit einer Hand fest, zünde dir dabei die Zigarette und binde das Feuer wieder dran.“ Sagte Harry als er seinen Arm in der unangenehmen weit ausgestreckten Position durch das Gitter hindurchhielt. „Warte.“ Antwortete Dima . „Habs wieder drangebunden.“ Harry spürte wie das Ende des Riemens in die Tiefe fiel, anschließend zog er es zu sich herauf.
„Mann, wie kannst du nur so schnell auf dieser verrotzten Matratze schlafen?“ Fragte Dima in hämmischem Ton. „Wenns eckelhaft wird, denk ich mir immer: Dreck macht Speck. Dreck schärft mein Immunsystem.“ „Wieso bist den hier?“ Harry antwortete mit der selben spärlichen Antwort die er auch Schumi gab. Schließlich hatte er nun genug Zeit um darüber nachzudenken, um eine elegante Antwort zu seinem Vergehen zu geben. „Was hast du den angestellt?“ Frage Harry von sich ablenkend. „Drogen.“ „Meinst du etwa Heroin und die ganze Scheiße?“ „Nein, ich mein Gras.“ „Dann sags doch gleich. Weed ist doch keine Droge. Wenn du deswegen eingebuchtet wurdest, solltest du es doch am besten wissen.“ „Ach komm, hab schon viele Leute gekannt die damit angefangen haben und dann auf die härteren Sachen abgeschmiert sind.“ „Kommt drauf an, denk ich. Wenn du das gebrauchst um besser drauf zu sein, dann ist das doch ganz gut, aber wenn du dich davon abhängig machst, dann artet das aus.“ „Genauso dachte ich früher auch Harry. Anfangs kriegst bessere Laune, irgendwann brauchst du es um überhaupt eine angenehme Laune zu haben. Findest keine Ruhe. Bist nur nach irgendwas am suchen was dir diese Ruhe gibt Mann. Hört sich bekloppt an, is aber echt oft so.“ „Kam dir das erst als du verknackt wurdest?“ „Ne, kam schon davor. Aber wenn du keine Arbeit findest dann machst du sowas.“ „Ey, wenn du arbeiten willst, findest du immer arbeit.“ „Das sagst du so einfach. Ach, was sag ich da, so dachte ich früher auch.“ Dima machte eine kurze Pause und Harry fiel zu diesem Thema nichts mehr ein. Harry spuckte aus dem Fenster. „Hör mal Harry.“ Rief Dima. „Ich hab früher mal bei so’m Gärtner gearbeitet. Hab bei dem zwei Monate lang gearbeitet. Nach dem ersten Monat sagte der mir, ich soll bisschen Geduld haben, weil seine Kunden noch nicht bezahlt haben und er etwas Zeit braucht, bis er mir mein Geld geben kann. Die Arbeit war eigentlich anstrengend, weil ich meistens immer die Erde umgegraben hab. Hab so die Scheißarbeit gemacht. Irgendwann… ich hab dem Typen zwei Wochen Zeit gegeben, bin immer pünktlich gekommen, hab immer meine Arbeit gemacht – ohne Witz – hab ich den gefragt wann ich mein Geld krieg und der meinte, ich soll noch warten. Hab den auch gefragt ob ich wenigstens bisschen was krieg, damit ich mir in der Schule was zum Essen kaufen konnte. Meine Mutter hatte nämlich nie Geld. Da hat der mir trotzdem nix gegeben. Dann hat ich kein Bock mehr und bin gegangen. Hab dann wieder zum Dealen angefangen und in einer Woche bestimmt mehr verdient als ich bei dem für die zwei Monate gekriegt hätte.“ „Na, hast du das Geld von dem wenigstens bekommen?“ „Ne, hab den nie wieder gesehen. Wollte den mal mit paar Kumpels auf die Fresse haun, hab dann aber doch lieber gekifft. Scheiß Bastard der.“ „Wenn du nicht gekifft hättest, hättest du womöglich dein ehrlich verdientes Geld. Das Zeug raubt den Ehrgeiz.“ „Das stimmt.“ Sagte Dima.
Sechstes Kapitel
„Mensch sieht der Harry breit aus.“ Sagte Leo kichernd. „Ne, war grad nur etwas am Nachdenken.“ Sagte Harry verwerfend. „Ey, war schon jemand von euch im ‚Computer Kretschmer’?“ Fragte Tom. „Ne.“ Antworteten die beiden gleichzeitig. „Was ist den da?“ Fragte Harry. „Na der Laden liegt ziemlich außerhalb. Hat keinen Alarm. Außerdem ist Computerhardware teuer und eine Kasse haben die auch.“ Sagte Tom. „Worauf willste hinaus?“ Fragte Leo wohlwissend. „Na was wohl? Räumen wir den aus?“ Fragte Tom. „Der ist klein der Laden, wenn wir mitten um drei Uhr die Scheibe einwerfen, sollte es doch klappen.“ Sagte Harry optimistisch. Leo ging in die Küche, holte den Wodka und die Flache Cola aus dem Kühlschrank. Als er jedem oft genug eingeschänkt hatte, jeder froher risikobereiter Laune war, sie vulgären HipHop-Sprechgesang aus den Boxen vernommen hatten in jenem die Interpreten das biblische ‚Sodom und Gomora’ heraufbeschwörten, in dem nur der aggressivste, vollgedröhnteste überleben kann, waren sie bereit.
Ein jeder packte sich Rucksack auf dem Rücken, Leo steckte die Taschenlampe ein und Tom stopfte noch einige Zigarettenhülsen mit Tabak für den Weg. Die drei gingen lauten Schrittes, schweigend und sich gegenseitig immer wieder ‚Ruhe, Ruhe’ zuflüsternd in Richtung des Computerladens. Dort angekommen, suchten sie in der Nähe des Baches nach einem der Größe entsprechenden Stein. Wobei nur Leo eine Taschenlampe besaß und den beiden anderen, die weit von einander entfernt suchten, zuleuchtete. „Ich fühl was Großes, leuchte mal.“ Kam hin und wieder von einem und dem anderen. Weit entfernt von professionellen Dieben waren sie. Wenn sie Jemand beobachtet hätte, würde er nur ein Quäntchen Beobachtungsgeschick gebrauchen um ein Bild verwahrloster Neunzehnjähriger zu vernehmen, die mit trüber Hoffnungslosigkeit in den Augen und ersoffener Angst in den Knien, lange suchen um einen großen Stein zu finden. Alsdann Tom wieder einmal „Leuchte mal!“ rief, und unter Toms Hand sich tatsächlich ein entsprechend großer Stein befand, gingen sie zum Häuschen hinüber, indem sich jenes Geschäft befand. Es war ein kleines einstöckiges Gebäude, dessen Front verglast war und der Schriftzug ‚Computer Kretschmer’ in türkiser Farbe an einige Stellen geklebt war. Im Schaufenster standen einige originalverpackte hochpreisige Artikel, sowie Computergehäuse und Flachbildschirme. Die Rückwand sowie die Seitenwände bestanden aus weiß angestrichenem Zement.
Das Gebäude schlug sozusagen die Einbruchsmethode vor. Tom nahm den Stein aus seinem Rucksack, der ehemals Bestandteil eines Ziegels war. Sah ihn an, drückte ihn fest in seine Faust. Sein Gesichtszüge verrieten Wut. Mit dem vorderen Teil des Steines, was zwischen seinem Daumen und dem Zeigefinger heraussah, schlug er fest gegen die Scheibe. Ein platzendes Geräusch tönte durch die Straße. Er schlug mehrmals fest gegen die Scheibe, bis er ein Loch herausgebrochen hatte, dass es ihnen möglich machte, dadurch in den Innenraum des Geschäftes einzudringen. Tom riss nervös den Klettverschluß seines Rucksackes auf, steckte den Ziegel hinein, machte den Rucksack wieder zu und stülpte den vorderen Teil seiner Ärmel über seine Hände. Er stellte sich seitlich, tat den rechten Fuß über die niedrige Mauer und stemmte sich zwischen den Flachbildschirmen ins Geschäft.
Die anderen beiden taten es ihm nach. Nun standen sie im Innenbereich des Geschäftes. Tom, der undemokratisch zum Anführer auserkoren wurde, rief: „Packt die Taschen voll!“ Sie streiften an den Regalen entlang, wendeten kurz einen Blick dem Preisschild zu und füllten die Rucksäcke.
Leo stürzte als erster aus dem Laden, die anderen kamen ihm nahezu anschließend nach. Jetzt rannten sie zurück in Harrys Bude. Dort angekommen, ging Harry über eine schmale Holzleiter auf den Dachboden hoch. Die anderen, wie auch Harry perplex wortlos gaben ihm die Taschen hoch. Er entleerte sie oben und kam herunter.
„Kommt wir gehen nochmal hin!“ Rief Harry aus. „Keiner hat was gemerkt.“ Tat Leo bei. Joggenden Schrittes kamen sie nun wieder bei Harry an und entleerten das weitere Diebesgut auf dem Dachboden. Als sie wieder losrückten, im Innenbereich des Geschäftes wieder die kompakten Wertgegenstände in die Taschen taten, fuhr ein rosenroter Audi, durch dessen Karroserie leiser HipHop drang am Geschäft vorbei und blieb ein kurzes Stück danach stehen und fuhr zurück. Den Fahrer konnte keiner von ihnen durch die verdunkelte Scheibe in ihrem trunkenen, ruhelosen Zustand erkennen. Das Auto blieb auf der Stelle stehen, gasgebend. Geduckt alsauch verängstigt sahen sie das Auto an. Alle drei hatten sie einende Gedanken: „Sieht er uns, wer ist das, Polizei, ist der besoffen?“ Es fuhr ein Stück zurück, ein Stück weiter vorwärts. Immer ein wenig zur Seite fahrend. Und immer wieder blieb es eine Zeit stehen um den Motor wie wild anzuheizen.
Als es nun endlich wegfuhr, legten sie sich die Hand aufs Herz um auf zu atmen.
Dann liefen sie wieder zu Harry zurück, verstauten die Ware und legten sich auf das Sofa. „Wieviel mag das wohl wert sein?“ Fragte Tom. „Einiges. Bin zu platt um nachzusehen.“ Antwortete Leo. „Das Auto hat mich fertiggemacht. Lasst uns pennen.“ Sagte Harry gähnend. Tom machte das Licht aus und sie schliefen ohne sich ‚Gute Nacht’ zu wünschen.