Immer wieder drängt sich mir unweigerlich die Frage auf, wo sie geblieben sind, die Rebellen der Spielebranche? Der Urkeim, die Seele, ja der eigentliche Grund jedes Spiels, die Elite, die Freaks, die schon Secret of Mana zu dritt gezockt haben, ohne dabei das SNES überhaupt anzurühren, bevor die Endsequenz über die 20 cm Bildröhre flimmerte. Die Intelligenz, das eigentliche Publikum, das fähige Entwickler und Visionäre erreichen wollten.
Zugegeben, letztere sind selten geworden, auch die einstmals kulturell wertvolle Spielebranche wurde von den münteferingschen Heuschrecken nicht verschont. Überall auf der Games Convention sah ich eingebildete Anzugträger, nur die zwölfjährigen Typen von Pokemonfans.de.vu schämten sich nicht, mit den T-Shirts ihrer Lieblingsspiele herumzulaufen. Der Funke ist verloren gegangen, genau das Gefühl, was mir persönlich, Spielen zum liebsten Hobby werden ließ. Der gewisse Reiz etwas zu tun, was Hans Wurst von nebenan als Zeitverschwendung betrachtet, und dabei genau zu wissen, dass man Visionen spielt, regelrecht zu merken, wie viel Liebe und Seelenschmerz in einem Projekt stecken und wie viel Schweiß während der Arbeit geflossen ist. Das unbeschreibliche Etwas, das einem deutlich macht: Spielen ist nicht sinnlos. Spielen ist Gefühl und Gefühl ist wichtig und keineswegs sinnfrei.
Warum kauft man True Crime ohne ein Review gelesen zu haben? Nur um die Erinnerung an GTA: Vice City wieder aufleben zu lassen? Dabei ist es die Erinnerung, die uns Menschen definiert. Wieso also unbedingt blind nach Neuem lechzen, anstatt in Erinnerungen zu schwelgen?
Warum kauft sich der geneigte Zocker Need for Speed: Most Wanted? Wegen des fehlenden Onlinemodus oder der neuartigen Fahrt bei Tag? Warum kauft jemand ein Spiel wie GTA: San Andreas? Wegen des Namens, wegen der Erinnerung? Wegen der tollen Innovationen, etwa dem Fitnessstudio oder dem schöneren Gras, gar wegen der unheimlichen Größe der Spielwelt, deren Widererkennungswert so hoch ist, wie Deutschlands Schulden niedrig oder etwa weil es jeder hat?
Und wo um Himmels willen sind die Märtyrer, die solche Spiele zerreißen, anprangern, ja persönlich kaufen und dann öffentlich verschrotten? Wo sind die Radikalen, die bepackt mit einem alten SNES die Microsoft- oder Sonygala auf der GC stören, die sich in einem Mariokostüm mit dem lebenden Hitman anlegen? Wo um alles in der Welt sind die wahren Spieler? Die, die erkannt haben, dass Entwickler nicht mehr nach Gefühl, sondern nach Tagesordnung arbeiten? Wo sind die Vorreiter, die die Branche vor der Zeit revolutionieren wollen und wo die Geschäftsführer, die Kreativität vor Gewinnerwartungen stellen? Wo sind die Menschen, die einstmals belächelt wurden für ihre Begeisterung für Spiele? Macht euch bemerkbar!
In den letzten beiden Jahren habe ich kein einziges Spiel gespielt, das in irgendeiner Form von Wert gewesen wäre. Sicher, viele Spiele haben Spaß gemacht, aber das Gefühl, wie ich es persönlich beim Spielen von Final Fantasy VIII oder Monkey Island erleben durfte, vermisste und vermisse ich noch heute schmerzlich. Ich meine, der Filmmarkt ist auch völlig überbevölkert, aber zwischen all den sinnlosen und erfolgsorientierten Werken findet sich auch immer mal ein Meilenstein, ein kaum beachteter Schatz, ein geistiges Highlight. Früher gab es fast nur geistige Ergüsse zu spielen. Heute wurden die Typen, die nicht viel von Marketing und PR verstehen, sondern einfach nur das Spiel als Mittel zum Widerstand oder zur wichtigen Meinungsäußerung nutzen wollen, weitestgehend aus der Branche entfernt. Und es wird immer schlimmer!
Geht mal wieder in den Laden und kauft ein angebliches Highlight nicht! Habt mal wieder eure eigene Meinung und zockt nicht den Mainstreamquark oder noch besser: Greift zu irgendeinem Programm und bastelt euer eigenes Game, verwirklicht eure eigene Vision und erlebt das Feeling der Freiheit, der Überlegenheit und der geistigen Erfüllung, so wie wir, die wahren Gamer, es früher getan haben.
Und um Gottes willen kauft kein Spiel nur wegen der Grafik!