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onkelchen Spender
Retreat
 
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Beiträge: 11.533
Review: Eisbrecher - Antikörper

Eisbrecher Antikörper
■■■■■■■□□□□
 

  1. Anfang
  2. Adrenalin
  3. Leider
  4. Antikörper
  5. Entlassen
  6. Ohne Dich
  7. Phosphoer
  8. Kein Mitleid
  9. Kinder Der Nacht
  10. Vergissmeinnicht
  11. Freisturz
  12. Wie Tief?
  13. Ende


Eisbrecher legen nach. Nachdem vor zwei Jahren bereits ihr Erstlingswerk bei mir gut angekommen war, war es natürlich keine Frage, dass ich mir auch ihr neuestes Werk zu Gemüte führen werde. Dem eigenen Stil blieb Eisbrecher dabei treu, trotzdem finden sich verstärkt metallische Anleihen, so dass Eisbrecher 2006 in einem Atemzug mit der Konkurrenz aus Wolfsburg und Berlin genannt werden müssen. Demzufolge müssen sie sich aber auch einen Vergleich dazu gefallen lassen.



Manchmal sind Großstädte schon praktisch. Zum Beispiel heute. Das hatte nämlich zur Folge, dass man gelegentlich seinen Lieblingsmusikern recht nahe kommt. Heute zum Beispiel, schaute Herr Alexx Wesselsky persönlich in Wien vorbei um seine neue CD zu promoten. Klar, dass ich mir die Gelegenheit nicht nehmen lies und dem Herren einen Besuch abstattete. In der Tat gab sich der Mensch heute volksnahe und zum Anfassen und posierte auch brav für Fotos. Nebenbei legte er auch für eine relativ bescheidene Anzahl Menschen auf und präsentierte hierbei sein neues Album. Gut gelaunt signierte er mir dabei auch gleich mein Exemplar und hat Genosse onkelchen auch gleich eine Widmung spendiert (siehe Bild links). Nun sind Alexxs' Qualitäten als DJ relativ bescheiden (ja wirklich), um so mehr Spaß macht allerdings das neue Album.

Eröffnet wird Antikörper mit dem Instrumentalintro Der Anfang und geht relativ schnell in Adrenalin über. Adrenalin nimmt dann auch gleich volle Fahrt auf. Klang der Erstling noch sehr elektronisch, ist Adrenalin rockiger und lässt keinen Zweifel an Eisbrechers Ansprüche im NDH-Segment ("Ich bin mehr als Mensch, die pure Energie, Starkstromeggregat, ich zwing euch in die Knie"). So klingt Adrenalin auch, schnell, stark, metallisch, gut. Ein starkes Stück das zwar mit relativ flachen Texten aufwartet, die dafür aber zumindest nicht peinlich sind (höre ich da jemand Tanzwut. sagen?). Leider richtet sich an die Damen und Herren die in Depressionen und Selbstmitleid versinken und schlägt hierbei durchaus auch klare Töne an (Ich muss mir wieder weh tun, ich tu mir so leid, ich muss mir wieder weh tun, weil der Schmerz mich heilt). Letztlich wird aber nicht geklärt, ob Textschreiber Alexx hier ironisch Kritik äußern will, oder sich mit der Emokultur und Verwandschaft solidarisiert.

Der Titeltrack Antikörper schlägt deutlich langsamere, depressiv schwere Töne an, die in einem brachialem Gitarrenriff enden. Inhaltlich finden sich einmal mehr Anleihen bei Rammstein und ja - hier schaffen es Eisbrecher auch tatsächlich ansatzweise (ja, nur ansatzweise) auch den Biss von selbigen zu übermitteln. In der Tat finden sich hier nicht unmittelbar flache Textpassagen, nein, ich entdecke Tiefgang der sich nicht unmittelbar eröffnet. Wie bei Rammstein eben. Ob Alexx allerdings weiß, was Antikörper sind? Ich weiß es nicht - denn der Text passt eher auf ein Virus, auf Parasiten. Mir solls allerdings egal sein, denn eben jene Antikörper dienen hier als Metapher - wofür ist allerdings hart Interpretationssache. Ich behaupte der Antikörper steht hier für eine Beziehung, an der eine Person zugrunde geht, weil der Partner dominant die Beziehungsschlinge immer enger zieht, bis jene Person daran erstickt.

Ebenso elektronisch und stark an den Vorgänger "Eisbrecher" erinnernd kommt Entlassen daher. Wurden zuvor die dunklen Schattenritter für ihre Emotionalität noch kritisiert, so klingt das hier schon ganz anders. Voller Pathos und Selbstmitleid versucht der Protagonist seine Beziehung zu beenden ("Gib mich auf, wie lang muss ich noch flehn?") und bedient sich hier einer ebenso flachen wie eingehenden Argumentation.

Ohne Dich ist ganz offensichtlich der zweite Teil von Entlassen. Genauso melancholisch wie zuvor, bekräftigt Sänger Alexx hier seinen Herzschmerz. Den Inhalt kann man sich relativ einfach ausmalen, einen Textauszug erspare ich mir an dieser Stelle. Mit anderer Musik landet so ein Text in der Schlagerhitparade. Auch wenn sich Eisbrecher kühl und emotionslos geben, so sprechen diese Texte eine ganz andere Sprache. Das war letztlich auch das Problem vom Erstling, der auf die Dauer zu flach, zu schwammig wirkt, als dass er dauerhaft unterhalten könnte.

Zum Glück geht es mit Phosphor wieder bergauf. Nun regen sich Elternverbände zwar schon lange nicht mehr auf, wenn man Gott und Kirche kritisert, dennoch kommt der Text herrlich brutal und aggressiv rüber. Nun ist Endzeitstimmung in diesen Kreisen, in denen sich die Hörer von Eisbrecher bewegen wahrlich keine revolutionäre Theorie, aber dennoch: Lasset uns gemeinsam untergehn, lasset uns zusammen in Flammen stehen. Genau.

Kein Mitleid ist einer der Lichtblicke des Albums. Aggressive Gitarrenriffs (ich höre da "Wollt ihr das Bett in Flammen sehen" heraus, ehrlich) gepaart mit Text, der hunderprozentig zur Aggressivität der Musik passt und am Ende noch einen lakonischen, verhöhnenden Ton gegen unseren Herrn findet. Gut getroffen. "Du ahnst, du spürst, dass du nichts bist, im Paradies kein Platz für dich ist. Du winselst um Gnade am Ende deiner Zeit, tut dir alles leid. Wo ist den Gott? Groß und mächtig, wann kommt sein Reich? Kalt und prächtig - fang an zu beten und schweig. Doch, ich gebs zu, ich mag das Stück, sowohl inhaltlich, als auch musikalisch. Ganz große Arbeit.

Kinder der Nacht richtet sich an eben selbige. Diesmal in Ich-Form ist sich Textschreiber Alexx offenbar nicht sicher, ob er sich mit selbigen solidarisieren soll, oder sie kritisieren (siehe Leider). Ich fasse den Song mal unter Platzfüller zusammen, selbsherrlicher Text, wenig anspruchsvolle Musik, wenig Rhythmus und wenig Tiefgang.

Vergissmeinnicht (Video) ist die Single zum Album Antikörper. 3:54 Minuten voller geladener tanzbarer Musik. Gut, eingängig, wenig tiefgründig, dennoch hörbar. Praktisch der Aushang für die CD. Wird mit Sicherheit Liebhaber finden, damit ist Vergissmeinnicht aber zur Genüge beschrieben.

Gerade so, als ob es in der Tat nur das Thema Liebe und Herzschmerz gäbe, schlägt auch Freisturz wieder in diese Kerbe. Dabei geht es aber ungewohnt metallisch zur Sache. Würde ich nur diesen einen Song kennen, ich würde Eisbrecher unter "Nu Metal" führen.

In Wie tief fragen Eisbrecher voll Pathos und Melancholie, aber dennoch hart und melodisch Wie tief ist dein Tod? [..] Wie tief ist ein Traum?. Früher, als gute Dinge noch aus Holz waren und die Welt noch in Ordnung, da war alles besser. Ja. Ende schließt den Kreis zum initialen Anfang und hinterlässt nicht nur freudige Erinnerung an "Antikörper". Eisbrecher wirken ausgereifter, ihrer Sache sicherer. Gelegentlich entdeckt man auch gar Biss und künstlerisch provokative Seiten, alles in allem hat sich aber nicht viel verändert, außer dass Eisbrecher ihre Anhängerschaft deutlich ausgemacht haben und sich (offenbar) mit deren Themen befasst.

(Alexx legt auf)

Alt 23. 10. 2006, 00:12 onkelchen is offline Mit Zitat antworten #1
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