Wir haben November. November 2006 genauogenommen. Das heißt das ertragreiche Weihnachtsgeschäft steht bevor - keine Frage, dass man dies bei Rammstein zu nutzen weiß und schmeißt eine Live DVD auf den Markt, die die 2004 begonnene Europatour behandelt. In nicht weniger als 3 Editionen schmeißt man die DVD auf den Markt, die Mitschnitte von vier Schauplätzen zeigt
Ich mag an der Stelle gar nicht abstreiten, dass ich selbst begeisterter Besucher dieser Tour war. Dennoch wirkt die gesamte Produktion auf mich etwas lieblos. Da werden einfach Mitschnitte einiger Konzerte zusammengeworfen (insbesondere Japan und England sind überflüssig), je nach Edition noch mehr oder weniger Interviews, Specials und Bildbände dazugepackt und dafür darf man 15 bis 50 Euro bezahlen.
Nun gibt man sich bei Rammstein zwar weltenbürgerisch und gibt der DVD den pathetisch angehauchten Namen "Völkerball" und erklärt nebenbei in den Interviews, dass es zu Hause in Berlin doch am schönsten sei - doch andererseits findet man auf der DVD hauptsächlich ein Konzert in Nimes und Ausschnitte weiterer Konzerte in Engländ, Russland und Japan. Wenn ich an die Tour denke, die Rammstein durch ganz Europa, Russland, Mexiko und Japan geführt hat, ist das dann ein schwacher Ausflug. Zugegebenermaßen mag ich ein durchgehendes, möglichst noch ungeschnittenes Konzert sowieso lieber, als ein Zusammenschnitt ganzer Tourneen, aber so wie das Rammstein macht, ist das nichts Ganzes und nichts Halbes. 90% des Konzertes findet im erwähnten Nimes statt und einzelne Stücke finden sich ausschließlich in England oder Russland. Das stört die Konzertatmosphäre doch sehr.
So habe ich die Setlist von damals mit der aktuellen verglichen und folgende marginalen Änderungen festgestellt:
- Die Reihenfolge einiger Stücke wurde verändert
- "Asche zu Asche" kam hinzu
- Dalai Lama flog zugunsten von "Benzin" raus
- Amour wurde (vermutlich?) gespielt, flog aber von der DVD raus
- Rein Raus und Moskau finden sich nur auf erwähnten Ausschnitten, nicht auf dem Nimeskonzert
Hat man dies verkraftet, kann man sich schließlich doch noch ganz dem Konzert hingegeben, wo dann auch in der Tat viel wieder wettgemacht wird. Ein Till in Hochform präsentiert eine grandiose Show, die bei mir auch meine eigenen Erinnerungen wieder lebhaft aufgeweckt hat und eindrucksvoll demonstriert. Bühne, Bühnenoutfits und Bühnenshow sind identisch mit der aus der Deutschlandtour und überzeugen bei mir nach wie vor. Zwar zeigt die Bühne nicht mehr dieses martialisch industrielle Flair aus der bombastischen Sehnsuchtära, lässt aber nach wie vor keine Zweifel am Bild, das Rammstein den Konzertgängern vermitteln will.
Rammsteins Bühnenshow ist wohl mittlerweile jedem hinlänglich bekannt, trotzdem bin ich immer wieder fasziniert, wie eng Pyroeffekte, Lichtshow und Musik aufeinander abgestimmt sind. Grandios.
Leider sind auf der DVD einige sehr unglückliche Schnitte verewigt, die so manche Aktion nur peripher tangieren. Beispielsweise kommt der Bühnenheber für Richard und Paul gar nicht ins Bild. Immer wieder faszinierend hingegen die Flammenwerfer und -masken bei Rammstein und Feuer Frei. Auch gibt sich Till während des Konzertes ungewöhnlich redselig und macht mindestens zwei Ansagen (mitten im Song) - selbst wenn es nur die Anweisung ist, die Hände bei "Ich will" zu erheben.
Ansonsten kann der erfahrene Rammsteinhörer wenig Neues entdecken. In erster Linie dominiert das (damals) aktuelle Album "Reise, Reise", 2005 wurde noch vor Erscheinen von Rosenrot "Benzin" in die Setlist aufgenommen, noch bevor das zugehörige Album veröffentlicht war. Die Alben Herzeleid und Sehnsucht - nach wie vor meine absoluten Lieblingsalben - kommen definitiv zu kurz, was ich aber auch schon 2004 festgestellt hatte.
Etwas verstörend war auf mich ansonsten das französische Publikum, das munter US-Flaggen bei "Amerika" schwenkte. Das hatte ich wahrlich nicht erwartet (und auf der Deutschlandtour in Mannheim zum Beispiel auch nicht gesehen ...). Auch waren die erbärmlichen Ansätze mancher Leute bei Rammstein zu pogen von wenig Erfolg gekrönt. Das sieht bei jedem Hardcorekonzert mit 200 Leuten besser aus. Was wohl auch daran liegen wird, dass ich zumindest nie auf die Idee käme, bei Rammstein zu pogen. Ein echtes Highlight hingegen zeigt Rammsteins Moskau
in Moskau. Kein Wunder, dass dieser Song beim russischen Publikum gut ankam.
In unseren Breiten kaum noch möglich, findet sich an den Tokioter Ausschnitten Rammstein in einem sehr kleinen Club vor geschätzten 800 Zuschauern auf einer sehr kleinen Bühne wieder. Das gibt einmal ein anderes Bild von Rammstein, die sonst eher der teutonenhaften Gigantomanie verfallen sind. Unnötig zu erwähnen, dass man dann eben die Bühne auf engsten Raum abfackelt.
Das sogenannte Bonusmaterial beschränkt sich auf einen recht belanglosen "Tourfilm" Anakonda im Netz, der zudem bereits auf MTV und ProSieben ausgestrahl wurde und inhaltlich wenig bietet, außer einigen Interviews und Meinungen zu der abgelaufenen Tour. Ein Blick hinter die Kulissen, des Rammsteintourapparats gelingt nur oberflächlich und lieblos. Hier hätte man sich bei manch anderer Produktion besseres abschauen können. In schlechter Bildqualität, aber weit interessanter ist hier das "Making of Reise, Reise", das von Paul Landers höchstpersönlich gefilmt wurde. Hier gibt es in der Tat hintergründige Informationen zum Entstehungsprozess von Reise, Reise. Dem Laien wird hier auch ein Eindruck vermittelt, wie komplex eine derartige Produktion mittlerweile ist.
Auf das Booklet kann man getrost verzichten (wobei, vielleicht doch nicht, ist das doch der einzige Ort, wo sich eine Tracklist findet), zum 190-seitigen Bildband kann ich ebenfalls nichts sagen, da ich mir lediglich die "Limited Edition" geholt habe, nicht die unverschämt teure "Special Edition", die zudem zur Zeit weitgehend vergriffen ist.
Ganz nebenbei liegt der DVD auch noch eine Audio CD bei (Bei Live aus Berlin wurde Live CD nicht getrennt von der Live DVD verkauft), die erwähntes Nimeskonzert auf CD enthält - ein weiteres Mal gekürzt. So fehlen zum Beispiel "Stein auf Stein", "Rammstein", "Ohne dich" und "Stripped". Vermutlich will man Völkerballbesitzern nicht zuviele Argumente liefern, sich "Reise, Reise" und Nachfolger nicht doch noch zu holen, sofern man selbige noch nicht besitzt. Im Unterschied zu Live aus Berlin fällt bei Hören der CD ansonsten auf, dass die Produktion viel sauberer und steriler abgemischt wurde. Vom Publikum ist wenig zu hören, von der Bühnenshow ebenfalls. Hat es bei "Live aus Berlin" noch ab und zu auf der CD kräftig geknallt, geht dies bei Völkerball unter.
Wer Rammstein live noch nicht kennt, für den ist Völkerball sicher eine lohnende Investition (zu Weihnachten *hint hint hint*), für alle anderen, die womöglich auch noch auf der 2004er Deutschlandtour waren absolut verzichtbar.