Die Politik entdeckt die Blogosphäre - so ließ sich hierzulande die Bundeskanzlerin von Bloggern interviewen. In Rußland machte ein Politiker auf etwas andere Art Bekanntschaft mit der Blogger-Gemeinschaft - der Rechtsaußen-Abgeordnete wurde auf seinem eigenen Blog als Lügner und Geschichtsfälscher entlarvt. Nun will er den Kommentator vor Gericht bringen. Aber nicht nur das: die Ausfälle gegen ihn seien eine Provokation, um Zensur im russischen Internet einzuführen, meint er. Währenddesen entbrennt in der russischen Livejournal-Community eine Wut über den Politiker, der das Wesen der Weblogs gründlich mißverstanden zu haben scheint.
Die Mutter aller Blog-Communities, Livejournal.com, ist vor allem in Rußland sehr beliebt. Gegenwärtig zählt das Portal über 420.000 russische Mitglieder - das zweitgrößte Kontingent hinter den USA. Der von den Russen liebevoll "Sche-Sche" (von "Schiwoj Schurnal", also "Live-Journal") genannte Bloghoster beherbergt nicht nur die Tagebücher Moskauer Teenager und Petersburger Technologie-Freaks - immer mehr russische Prominente legen sich ein Blog zu: Literaten, Künstler, Musiker... So war es nur eine Frage der Zeit, bis Politiker die Plattform zur Selbstprofilierung entdeckten; Politiker aller Coleur, wie auch der umstrittene Rechtsaußen-Abgeordnete Viktor Alksnis. Der ehemalige Oberst der Luftwaffe, der unter anderem im Organisationskomitee des rechtsextremen "Russischen Marsches" sitzt, eröffnete Anfang des Jahres seinen eigenen (mittlerweile vom Netz genommenen) Blog.
Darin wollte sich Alksnis vor allem als unbeugsamer Oppositionär profilieren: So schilderte er in einem seiner ersten Einträge, wie er den damaligen Verteidigungsminister Sergei Iwanow im Parlament "an die Wand gedrückt" habe. Alksnis hatte der Regierung vorgeworfen, sie würde die alten Militärflaggen, unter denen die russischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg gekämpft haben, zum Verstauben ins Museum befördern - so raube man den Truppen die letzte Ehre. Zu dumm nur für den "tapferen" Oppositionär, daß Timofei Schewljakow alias Tarlith, ein junger Militärhistoriker und angesehener Blogger, über den Eintrag des pensionierten Obersten stolperte und ihn als populistischen Lügner entlarvte: Die Weltkriegsfahnen hängen nämlich bereits seit den 1950er Jahren im Museum. Der Historiker war so erzürnt über Alksnis' Geschichtsklitterung, daß er es sich nicht verkneifen konnte, sich gleich im Anschluß über den "Idioten in Uniform" auszulassen, wobei das letztere noch ein harmloses Beispiel ist - Tarlith deckte den Oberst mit deftigen russischen Flüchen ein
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