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Stoertebeker
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Die Ergebnisse des Herbst-Schreibwettbewerbes

Hier also die lange erwarteten Beiträge des Herbst-Schreibwettstreites.

Die Beiträge werde ich erstmal ohne Autoren-Angabe veröffentlichen, womit jeder Kritiker die Möglichkeit bekommen soll, möglichst objektiv zu bewerten. Ihr könnt euch auf die Beiträge. Die Autorenangabe werde ich in sieben Tagen, also am neunzehnten November nachtragen. Bis dahin könnt ihr den jeweiligen Titel verwenden, Sofern die geschichten keinen hatten, hab ich mich erdreistet einen zu basteln und "[kein Titel]"
davor gesetzt.

Ich denke, das worum es den Autoren bei ihrer Teilnahme geht, ist Kritik und Feedback zu ihren Werke zu bekommen. Also schreibt (in diesen Thread), wenn euch etwas gefällt oder nicht gefällt.


Edit: Falls ich deinen Beitrag vergessen habe, er nicht ankam, dann schreib mir schnellstmöglich eine PM!

Geändert von Stoertebeker (11. 11. 2007 um 23:44 Uhr).
Alt 11. 11. 2007, 23:14 Stoertebeker is offline Mit Zitat antworten #1
Stoertebeker
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Steter Tropfen

Steter Tropfen

Genug Schlamm an beiden Schuhen und die Schultern müde voller Last, gebogen, träge trägt er sich schlecht hinab mit Schaufeln schaufelt er seichte Gräben. Immer wieder. Jeden Tag, 9 Stunden Akkord, Karte stempeln.
Die einen sprechen englisch, die einen polnisch, die anderen russisch, er versteh nicht viel, also schweigt er. „Guten Tag, mein Name ist Caesare“, kann er sagen, aber einen Schatten in die Sonne stehlend, schaufelt man mit grober Fliegenfuchtel nach seiner Figur.

Er sitzt immer vorne, mit einer Monatskarte, auf dem gerissenem Sitz in einem schäbigen bunten Bus, mit klarer Werbeansage beidseitig im Stereoformat. Liebig und Partner ergo sum. Kühlgeräte ergo sum. Einrichtung zu Niedrigpreisen ergo sum. Viel Farbe, wenig Aussage. Es piepst. „Nächste Haltestelle: Schillerstraße“, sagt die stockende Bandansagerin debil vor sich hin.

Zuhause wirbelt nichts Staub auf. „Zuhause ist wo Liebig Möbeleinrichtung ist.“ Es schreit. Schreit absurdes Zeug. Eine mit Plakat verhängte Werbefläche und sie schmiert sich neben die braun getrimmte Steinfassade der ansässigen Altbauten.
Zuhause wirbelt nichts Staub auf. „Kühlgeräte Möller und Partner.“, schmollt daneben ein kleines Banner, das einfallslos im Wind hängt.
Zuhause wirbelt nichts Staub auf, denkt Caesare und bewahrt sich proletarisches Gähnen.

Mit dem Schlüssel lässt er das Schloss harsch klicken, begibt sich zu den Stufen, hoch den Stufen, zur 5. Etage entlang des Holzgeländers, wischt sich oben angelangt die Handflächen vom blätternden Lack bestäubt an der Hose ab. Es dreht sich wiederum der Schlüssel. Das Schloss klappt auf, sodass die Tür inwärts poltert.
Caesare öffnete die Tür und dort... und dort schiebt es sich schwer.
Broschüre, Reklame, Zeitung, verrammt und verriegelt, hin und her.
Aber zwischen dem Partner, den Cos und Discountern steckten Briefe einer in gelbem Umschlag mit schwarzem Rand, ein paar andere im Standardfrack.
Ein Brief aus Rom, einer aus Frankfurt. C. schluckt gewaltig, schaufelt die Sehnsucht, die Furcht mit Fliegenfuchtel und öffnet den Brief mit blanker Gewalt.

Vater ist gestorben.

Mutter krank.

Der Dax steigt.

Hervorragend. Dachte C., da kann man investieren.
Deutsch, Pragmatisch richtig. Vorwärts!
Und der Volksempfänger tönt: Unterschichten vereinigt euch! bei Kaufland, Aldi und Co.
Denn Che Guevara trug Rolex wie jeder Businessmensch. Und Petrus Herrenmode hat jetzt eine eigene Sturmabteilung. Bevor das wohl dosierte „Yeah-Yeah-Yeah“ posthoneckersches Trauma erzeugen konnte, schlug C. die Sprechkonserve mit heroischem Beifall ins Klo, widerte sich mit dem Umstand von jetzt an nur Straßenverkehr zu hören und behagte sich an der Geselligkeit des Trockenputzes auf dem welligen Boden.

Beton und es tönt Beton, Asphalt und es tönt Beton. Im Grunde tönt immer nur Beton. So ödet man sich schadenfeinig, heiligschanig, scheinheilig und fadenscheinig am Geräusch der dumpfen Stadt.
Von hier raust einer, da raucht einer, hustet, brüllt und quatscht. Wieder Einer hupt und drückt mit engem Gürtel durch Autogassen, Taxistände.
Nur C. geht verlassen durch die Gänge der siedenden Fußgängerzone. Hier geht jeder allein und in Grüppchen geht jeder allein, einsam zum Shoppen und Fressen. Das nennt man Konsumismus, Baumarkt statt Hammer und Sichel, mit vollen Aschebeutel klingelt man an vor Liebig und Möller mitsamt der Partner, beim Petrus, bei Che und beim Co.
Einsam stehen die Mülleimer zwischen den Kaufhäusern. Die Kanäle sind vom Unrat dicht. Nur Moralisten drängen vereint theoretisch mal für, mal gegen Abgrund, Armut, Tierquälerei, Stammzellenforschung, Klimageschrei, Dumdudeldei und sonst ein Gedöns. Hier ein Flyer, da ein Poster, auf das C. skeptisch guckt. Kampf durch Papierkorb und Visitenkarten, mit Mottos, verpatzten Wortspielen und überflüssigem Merchandising zum Müllcontainertapezieren.

C. wandert zum Park, von heiteren Lüften getrieben.
Am Kiosk in der Nähe entscheidet er sich eine Packung Kaugummis zu kaufen, sammelt also in den Taschen nach Geld, kramt ein paar Münzen auf die Ablage und zeigt mit dem Finger durch das dreckige Kioskfenster. Minzgeschmack, konservativ erfrischend.
In dem Stadtpark füttern alte Leute Wildgänse. Zumindest glauben sie das es Wildgänse wären, aber das ist ja auch schon längst nicht mehr das Gleiche wie früher.
Er geht zum Spielplatz, wo die Kinder den Dreck verunreinigen, sich mit der Wippe quälen und mit ausgestrecktem Zeigefinger schikanieren. Das ist der Platz, so sagt man, an dem das Human Resourcing geboren wurde.
Doch Caesare wiegt sich in Sicherheit setzt sich auf die Schaukel und lacht. Zu früh gelacht, ächzt die Schaukel und kracht mit Getöse auf sein erhobenes Haupt.

Im Hospital mit Trüllallüü und Tätratä geht erst einmal ein Raunen um. Die Diagnose des Arztes: Ein Schädel ist hart, aber nicht unüberwindbar, stößt auf einseitiges Misskredit. Die Krankenkasse Guckheimer will nicht zahlen, mit dem Argument C. sei statistisch gesehen schon tödlich verunglückt, wie durch eine Fallstudie mit Schädelfrakturen bestätigt wurde. Darauf meldet sich C’s Lebensversicherung und versichert ihm das er keinen Anspruch auf Auszahlung habe, er sei vom biologischen Standpunkt nicht tot genug, zumal sie sich Axt- und Anwaltschwingend der Krankenkasse empfahlen.
Guckheimer und es tönt Beton. Schließlich tönt es immer Beton. Zwischen Fast Food Kultur und neoromantischen Zwangsneurosen, langweilt die Stadt, voller Klammern und Halter, dem Turban gewickelt mit dicken Stoff, um den Schädel, auf Caesares Kopf.

C. schlendert entlang im Gang der städtschen Klinik durch Menschenbündel, über graue Fließen, vorbei an Trockenputz und der kalte Luftzug dazu, der aus dem Aufzugsschächten kommt schüttelt in die Glieder. Man lacht.
„Schmiert sich hier einer lang und da einer ab, geht dem Menschen ja nichts verloren, denn das Leben der Menschen ist unbezahlbar, was auch heißen soll völlig umsonst.“
, scherzt man brüderlich, doch Caesare wagt nicht sich auf solche morbide Unreime zu reagieren, stockt nur kurz und unhöflich, lüftet Turban und geht davon.

Caeasare hat ein Monatsticket und fährt immer vorn. Im Bus in der Bahn pendelt er über den Asphalt mit Werbeaussage im Stereoformate. Doch mit all ihren Monologen kreischen sie unsinnig gegen die Wand.
„Liebig und Partner“, Kühlmechanik.
Morgen, 9 Stunden Akkord, Karte stempeln.

Zuhause ist noch weit entfernt, dort wirbelt nichts Staub auf.
Kein Che, Kein Beton und kein Liebig und Co.
Kein Möller, kein Guckheimer, kein Turban.
Zuhause wirbelt nichts Staub auf, zieht C. zum Koffer plündert Schrank und Wäsche.
Visitenkarten wegschmeißen, die Möbel zum Fenster. Einmal Feng Shui mit Pommes.
Sollte man sich die Frage stellen: Zu Hause, was ist das?
Caesare hat geklärt:

„Zu Hause“ ist ein guter Aufhänger für psychologisch wirksame Botschaften.

„Zu Hause“ ist die einfallslose Desorientiertheit nach dem Beruf.

„Zu Hause“ ist primitiv,

„Zu Hause“ ist zweckdienlich.

„Zu Hause“ ist die Empfangsadresse deiner Werbebriefe und Rechnungen.

Wohn ich schon oder leb ich noch, fragt sich C. daraufhin resigniert.
Lasst uns gemeinsam mit den Schultern zucken.
Man weiß es nicht.

N.D.
Alt 11. 11. 2007, 23:28 Stoertebeker is offline Mit Zitat antworten #2
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[Kein Titel] Groß Rosenburg, den 14. April 1899


Groß Rosenburg, den 14. April 1899

Über meine Jugend in Toulon habe ich, trotz flehentlicher Bitten meiner Ehefrau, niemals gesprochen. Wie eine schwarze Wolke lasten Erinnerungen an bestimmte Ereignisse auf meiner Seele und ich hoffte (ach, vergeblich!), dass Schweigen und Fliehen mich von dieser Bürde befreien würden. Die Migration in das Deutsche Reich, das Verlassen meines Elternhauses, sogar meine Identität wechselte ich um auch das letzte Stück meines alten Ich in dieser verfluchten Stadt zu lassen!

Nun, da mich die Bahre ruft und ich erkenne, dass all meine Bemühungen vergeblich waren, möchte ich beichten um zumindestens meine letzten Momente ohne diese schwere Last auf der Brust zu verleben. Darüber hinaus möchte ich mich entschuldigen, wenn ich dadurch das Unglück nur von meiner Seele auf die des Lesers schiebe und rate jedem gesunden Geist bei Bedenken dieses Erbe meines traurigen Lebens aus der Hand zu legen und auch den Gedanken daran baldigst zu verbannen.

Alle anderen sollen über den verhängnisvollen Tag erfahren, an dem ich Émilie Claude kennen lernte.

Wie jeden Samstag Abend saß ich an meinem Fenster und beobachtete das gegenüber liegende Haus, besser gesagt die Treppenstufen vor dem Gebäude, denn das Anwesen an sich war solange ich zurückdenken konnte verlassen. Eine wohlhabende Familie hatte vor Jahren darin gelebt bis ein Raubmörder alle Angehörigen tötete. Dieser wurde daraufhin aber gefasst und gestand sofort mehrere Morde in verschiedensten Städten Frankreichs. Viele munkelten damals, dass der Raubmörder ein wandernder Geisteskranker sei, lästig, aber nicht gefährlich. Als er aber eine Woche nach der Festnahme in Paris gehängt wurde, legte sich der Alltag über Toulon und die Tragödie um die Familie wurde vergessen.

Der Grund meiner Beobachtungen war aber mitnichten meine ausgeprägte Sympathie gegenüber Treppenstufen, sondern gegenüber dem Mädchen, welches auf selbigen saß. Jeden Samstag Abend sah ich sie dort, in ihrem weissen Nachthemd ihre feuerroten Haare kämmend. Jeden Samstag Abend beobachtete ich sie.

Anforschungen über ihre Persönlichkeit liefen in gähnende Leeren. Auch sah ich sie nicht in der Schule und vermutete, dass sie Privatunterricht nahm, was zu der Zeit nichts ungewöhnliches war. So saß ich jeden Samstag an meinem Fenster und beobachtete sie bis zu dem verhängnisvollen Tag, an dem ich beschloss sie anzusprechen. Ach, wie ich mich selbst für diese Entscheidung verfluche!

An dem darauf folgenden Samstag wartete ich gespannt in meinem Zimmer und als sie dann auf den Treppenstufen erschien, parfümierte ich mich leicht und setzte ein Lächeln auf, welches halbwegs geheimnisvoll wirken sollte. Aber auch als ich über die Straße direkt in ihre Richtung lief bemerkte sie mich nicht, oder ließ sich zumindestens nichts anmerken. Ich stand eine Zeit lang vor ihr und beobachtete sie, während ihr Haar mehr Aufmerksamkeit als ich beanspruchte. Erst als ich sie mit den Worten "Hallo, mein Name ist Pierre Guerlaine" ansprach, erwachte sie aus der Trance und blickte mir leicht verwundert in die Augen.

"Guten Abend, ich heisse Émilie, wohnst du hier in der Nähe?"

Verwundert über diese Frage antwortete ich: "Ja, gleich gegenüber, aber was machst du eigentlich vor diesen Trümmern?"

"Trümmern?", lächelte sie mit gespielter Empörung, "ich wohne hier!"

Ich wendete meinen Blick von ihr ab und starrte auf das heruntergekomme Unding, welches vor langer Zeit eine prachtvolle Villa gewesen sein musste. "Hier?"

"Ja, ich gebe ja zu, dass in letzter Zeit ein neuer Anstrich gut tun würde, aber ansonsten ist es doch wunderbar."

Erstaunt über den minimalistische Charakter des Mädchens und zugleich amüsiert, sagte ich: "Naja, solange es dir gefällt ist ja alles wunderbar."

Lächelnd forschte sie in meinen Augen, doch gab keine Antwort.

"Ähm.. sag mal, kennst du den Bäcker neben der Kirche? Dort gibt es wunderbare Kuchen und ich hatte mir gedacht, dass wir vielleicht mal zusammen dorthin..."

"Ich glaube nicht, dass mein Vater das erlauben würde", schnitt sie ab und für einen Moment sah ich Trauer in ihren Augen, "er mag das nicht wenn ich rausgehe... vor einiger Zeit hatte ich genug und wollte mit fliehen mit einem Jungen. Als er das erfahren hat wurde er sehr wütend... wirklich wütend."

"Wir möchten ja nicht fliehen, nur einen Kuchen essen gehen. Ich würde ihn auch selber fragen, wenn du dich fürchtest."

"Er ist tot", sagte sie kalt, "hat Selbstmord begangen."

Für einen Moment konnte ich die Kälte greifen, die zwischen uns entstanden war. Ich versuchte mit einem letzten verzweifelten Versuch die Lage zu retten. "Dann musst du dich ja nicht fürchten und kannst dorthin gehen wo du hinwillst, er kann dir ja nichts mehr tun."

Sie lächelte. Doch in ihren Zügen war ausser Kummer nichts zu erkennen. "Den Verrückten trifft keine Schuld. Vater war sehr wütend... nichtmal Mama konnte ihn besänftigen", abrupt stand sie mit diesen Worten auf und sagte: "Ich muss rein, Essen ist fertig und meine Eltern warten so ungern."

Sie lächelte noch ein letztes Mal, doch erst als sie sich umdrehte um ins Haus zu gehen sah ich den Dolch in ihrem Rücken.

Ich stolperte zurück, fiel auf den Boden und wurde Ohnmächtig. Als man mich am nächsten Morgen mit hohem Fieber auf der Straße fand wurde ich nach Hause gebracht, doch sobald ich wieder laufen konnte sammelte ich all mein Geld und verschwand für immer aus der Stadt Toulon.

Ich weiss nicht ob Sie mir glauben werden oder nicht, doch letztendlich ist es wohl egal. Ich werde nichtmehr träumen von Émilie, nichtmehr schweissgebadet aufwachen, nichtmehr flüchten. Ich hoffe Sie auch nicht und wenn doch, dann tut es mir leid.

Mit aufrichtigem Abschiedsgruß
Sebastian Steinmetz ehem. Pierre Guerlaine
Alt 11. 11. 2007, 23:31 Stoertebeker is offline Mit Zitat antworten #3
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Deppenalarm

Deppenalarm

Die Phase des Sun'druman war gekommen. Die Zeit, zu der die jungen
Krieger zum ersten Male ihre Kräfte messen sollten. Wo sich die Stärksten
und Klügsten unter ihnen mit dem Amt des Sun'dramal geehrt und die
anderen immer noch Sun'tallin werden würden.
Die Sun'tallin erwarteten nach Sun'druman Jahre des harten Lebens. Sie
wurden in die Schlachten geschickt um sich dort mit Ruhm und Ehre zu
belohnen. Die Sun'tallin waren Krieger, die in Kampfeszeiten allem entbehren
mussten, mit kargem Mahl auskamen und für die Schlaf nur eine milde Vorstufe
des Todes bedeutete, den es von daher zu meiden galt. Denen aber alle Frauen
gehören sollten, deren Männer sie besiegten und deren Reichtümer sie an sich
nehmen durften oder sie würden sterben, eines Sun'obar würdig, denn
besiegt zu werden kam dem Tode gleich. Es galt nichts, versehrt aber besiegt
aus der Schlacht zurückzukehren. So kam es, dass die Sun'tallin reich waren,
über große Häuser verfügten, in denen sie Schätze aus entlegensten Welten
bargen und weibliche Wesen aus allen Welten hielten und mit denen sie,
sofern es möglich war, auch Nachkommen zeugten.

Doch nur die Kinder, die sie mit einer Sun'aneke zeugten, einer Frau
aus ihrem Volk, die allesamt von einer betörenden Schönheit waren mit ihrer
hellblauen Haut und dem schwarzen Haar, das zumeist in langen glatten
Strähnen über ihre Schultern fiel, konnten auch Sun'obar-Ekrosh, ein
Krieger, werden. Allen anderen wurde diese Ehre verwehrt und es oblag
alleine dem Sun'tallin ob seine Nachkommen mit den Müttern aus anderen
Welten trotzdem ein Leben in Achtung und Würde oder als Sklaven führen
würden.

Die Sun'dramal stiegen auf in die höheren Kasten der Sun'obar, jenen
Volkes das schon seit tausenden von Jahren den Planeten Sun'illar
bewohnte, nachdem ihre Vorfahren dort landeten. Ihnen oblag die Führung der
Krieger, das Ausklügeln der Strategien und die Pflicht, den Sun'tallin voran
in den Krieg zu ziehen. Sie lebten wie Könige und hatten viel zu verlieren
sollten sie scheitern. Für die Sippe eines Sun'dramal gab es keine größere
Schande als die Niederlage im Kampf, was für alle Angehörigen nur die
Konsequenz ihrer freiwilligen Auslöschung, dem Nuhr'aquh, bedeutete.
So waren die Sun'obar in weiten Teilen des Universums gefürchtet und wurden
gleichzeitig verehrt. Denn kaum eine Rasse konnte auf eine solche lange
Linie von Kriegern zurückblicken, hatte mehr Achtung vor einem starken
Gegner und war grausamer im Krieg.

Bis vor einigen Jahrzehnten die Sun'obar auf einen namenlosen Planeten
stießen, in dessen tiefen knorrigen Wäldern uralte Wesen hausten, von denen
bis dahin noch keiner gehört hatte. Auf dieser Welt gab es für die Sun'obar
nichts, was ihnen großartig von Nutzen sein könnte. Nur einige edle Hölzer
wurden geschlagen und in die großen Schiffe verfrachtet, mit denen sie
manchmal Jahre durch die Galaxien reisten, aber die Sun'obar hatten ein
langes Leben. Ein paar Dekaden bedeuteten nichts für sie. Und sie waren
technisch sehr gut ausgerüstet.

Den Wesen auf dem Planeten missfiel was die Sun'obar taten, die die
heiligen Väterbäume fällten und deren Leiber mitnahmen, sie hörten
die Schreie der fallenden Ur-Riesen und waren zutiefst erschüttert.
So schlichen sie sich in die Mitte der Männer, zu der Zeit, als die große
Sonne hinter dem Horizont verschwunden war und die kleine langsam
emporstieg, die kurze Zeit, in der es wirklich dunkel wurde. Das Einzige was
sie zu tun hatten, war sich ein wenig zu schütteln um den Staub, den sie mit
sich führten in die Haare und auf die Kleider der Sun'obar rieseln zu
lassen, dafür zu sorgen, dass die Männer ihn einatmeten. Die Tatsache, dass
sie sich der grünen und wilden Umgebung perfekt anpassen konnten, half ihnen
dabei, ebenso ihre geringe Größe. Die Sun'obar nahmen sie kaum wahr. Und die
wenigen, die man sah, verscheuchte man wie ein lästiges Tier, für das man
sie hielt. Nachdem die Schiffe der Sun'obar den für sie nutzlosen Planeten
verlassen hatten, reisten einige von ihnen zurück nach Sun'illar, um zu
entladen.


Kurze Zeit später erkrankten alle Sun'aneke auf geheimnisvolle Weise. Zuerst
fühlten sie sich schwach und müde, was aber eine jede nicht zeigte, denn
Schwäche würde zutiefst geächtet. Erst als die ersten zu Boden fielen, wurde
man darauf aufmerksam.
Dann folgte das Fieber begleitet von Wahn und die blasse Haut verfärbte sich
grünlich. Nach neun Tagen starben die Frauen qualvoll und unter Schmerzen,
als sich Äste durch ihre fein geschwungenen Münder, ihre mit Takin'el
durchbohrten und mit edlem Geschmeide behängten Ohren und königlichen Nasen
stießen. In jedem Haus der Sun'obar wuchsen seitdem kleine Wälder, denn kein
Sun'obar wagte es, die Bäume zu fällen, da sie glaubten, die Seelen der
Gestorbenen lebten in ihnen weiter. Keine Sun'aneke, weder die alten, edlen
Mütter noch die kleinsten und zartesten, die gerade ihren ersten Schrei von
sich gegeben hatten, wurde verschont. Die Krankheit raffte gnadenlos alle
dahin.



Nun war wieder die Zeit des Sun'druman gekommen. Aber es gab keine
jungen Krieger, die sich messen konnten, seit langer Zeit waren keine mehr
geboren worden. Die Bäume im Hause von Sun'dramal Rutan Onaragosan dem
Weltenverzehrer, aus der Linie der Sun'abalk reichten fast bis an die
hohen, reich verzierten Decken. Rutan stand an einem der großen
geschwungenen Fenster und blickte hinaus. Aber eigentlich blickte er nach
innen und fragte sich, ob dies das Ende sei.

Es würde keine weiteren Sun'obar geben, keine Sun'tallin und keine
Sun'dramal und schon gar keine Sun'aneke. Welch ein Schmerz und Verlust. Der
Rat war schon geneigt, die Kreuzungen der besiegten Frauen, die
seltsamerweise von der Krankheit verschont geblieben waren, zu akzeptieren.
Aber die meisten besaßen nicht das aggressive Potential, welches vonnöten
war um das Leben eines Sun'obar-Ekrosh zu führen. Ein Sun'obar-Ekrosh musste
den Drang haben, zu erobern, die Lust am Töten und Besiegen besitzen, Freude
beim Unterwerfen anderer empfinden und rücksichtslos alles zu zerstören, was
den Feind stärken könne. Er dürfe keine Skrupel besitzen, andere Welten
auszuweiden, wenn es etwas zu holen gäbe. Aber vor allem musste er die Größe
seiner eigenen Art als das einzig wahrhaftige ansehen, welche den Sun'obar
das Recht gab, alles zu zerschmettern und zu knechten, was sich dieser
Doktrin widersetzte. Bis jetzt waren den Sun'obar wenige Wesen begegnet, die
ihren Ansprüchen dahingehend gerecht geworden wären.

Aber die Frauen dieser Völker empfanden die Sun'obar zumeist als zutiefst
hässlich und abstoßend. Klobige Ziirha aus dem Obtan-Gürtel, mit
ihren großen Händen eigneten sie sich gut als Gärtnerinnen, waren aber sonst
zu nichts zu gebrauchen und ein widerlicher Geruch ging von ihnen aus.
Nohixta aus der Rublon-Welt, wilde Geschöpfe, herrlich in ihrer Wut,
aber sie erinnerten an die Tax, die in den Sun'obar Häusern
umherstreiften um Ungeziefer zu erledigen. Außerdem hatte es noch keiner
geschafft, mit ihnen Nachkommen zu zeugen oder auch nur Hand an sie zu
legen. Viele andere waren zwar gute Kämpfer aber hegten Skrupel oder waren
von einem ekelhaften Drang zur Gnade geradezu durchtränkt.

Rutan ging im Gedanken noch einige andere Möglichkeiten durch und kam zu
keinem befriedigenden Ergebnis. Er fühlte sich müde und fragte sich, ob er
sich nicht besser dem endgültigen Schlaf hingeben solle, da die Zeiten der
Sun'obar wohl zu Ende seien.
Da blinkte auf der Arbeitstafel das Signal. Er hastete zu dem mannshohen
Rechteck in der Mitte des Raumes, denn dieses Signal bedeutete meist, dass
man eine neue Welt gefunden habe, die man erobern könne, welch willkommene
Gelegenheit, seine Gedanken zu zerstreuen und um vielleicht im Kampf
wenigstens wie ein echter Sun'obar sein Leben zu geben. Es meldete sich sein
Bruder, Sun'tallin Janten Onaragosan der heftige Streiter, und berichtete,
man habe etwas gefunden. Ein kleines Schiff. An Bord sei ein weibliches
Wesen, so was habe er noch nie gesehen, sie sähe aus wie eine Sun'aneke, nur
sei ihre Haut weiß wie die Milch eines Zartux und ihr Haar so rot wie
die Flammen der fröhlichen Feuer über den Häusern eines besiegten Feindes.
Sie habe sich gewehrt und gekämpft wie ein Mann, dabei habe sie einen
Sun'tallin schwer verletzt. Er klang höchst amüsiert. Das Beste aber sei,
dass man in dem Navigationsgerät des Schiffes in dem sie sich befand, die
Koordinaten ihrer Welt gefunden hatte. Ein winziger kleiner Planet am Rande
einer Galaxis dreizehn Dekaden von hier entfernt.

Rutan Onaragosan der Weltenverzehrer straffte sich und rief nach dem Diener,
er solle alles richten, es sei wieder Zeit für eine neue Welt erobert zu
werden. Freudige Erregung und Hoffnung stiegen in ihm auf.
Alt 11. 11. 2007, 23:32 Stoertebeker is offline Mit Zitat antworten #4
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Rattikarls Reise

Rattikarls Reise

Es war eine schwierige Überfahrt, der Wind blies häufig so stark, dass Rattikarl sich unter Deck aufhalten musste um nicht ins Meer gespült zu werden. Das wollte er schließlich ganz und gar nicht, denn er war, das war er sich bewusst, eine der ersten Ratten überhaupt die auf Neuseeland an Land gehen konnten. Seine Tante hatte ihm einen Brief geschrieben, sie war die allererste Rättin überhaupt auf Neuseeland, und darin sosehr von der schönen, friedlichen Landschaft, von dem warmen Klima und all dem Überfluss geschrieben, dass Rattikarl so viele Hummeln im Hintern hatte, dass er schon ganz angeschwollen war.

In dem Augenblick, indem Rattikarl realisierte, dass die Überfahrt geschafft war und er nur noch ungesehen – oder eher unzermatscht – an Land kommen musste, bekam er vor solch überschwänglicher Freude beinahe einen Herzstillstand (es schlug schon merklich langsamer).
Eins dieser riesigen, grobschlächtigen, langsamen Exemplare der Gattung Mensch überbrückte die riesige Lücke, in dem das furchtbar salzige Wasser nur so schwappte, mit einer Planke, die auf einer Art provisorischem Steg endete. Im nächsten geeigneten Moment huschte Rattikarl über die Planke in die Freiheit.

Jetzt galt es natürlich erst einmal dieser leidigen Gesellschaft der Menschen zu entfliehen. Nach zwei Monaten auf See kommt einem allerdings der feste Boden unter den Pfoten nicht mal ansatzweise fest vor, sondern mindestens so wackelig wie das Schiff, wenn man es zum ersten Mal betritt.
So schwankte er weg von den ersten paar Hütten, die hier angelegt wurden, hin zum Waldrand. Nun musste erstmal das laufen, rennen und gehen auf festem Boden wieder neu geübt werden und während Rattikarl das tat, roch er schon mal probeweise ob sich seine Tante in der Nähe befand. Von seiner Tante nahm er nichts wahr, doch so viele andere Gerüche strömten auf ihn mit einer Penetranz als würde jemand sein Hirn durch alle Öffnungen mit Gerüchen voll pumpen.
Man musste allerdings feststellen, dass ein Geruch besonders durchdringend war. Ungefähr in zwei bis drei Metern Entfernung lag also der Abort dieser kleinen Pioniersiedlung. Das war aber auch gleichbedeutend mit der Erkenntnis immer noch zu nah an den Menschen dran zu sein. Ein kleiner Pfotmarsch würde ohnehin ganz gut tun, nachdem man auf dem Schiff nie weiter laufen konnte als circa acht Meter in alle Richtungen.

Nachdem jetzt wirklich eine angemessene Entfernung zwischen Rattikarl und jeglicher Menschlichkeit gebracht war, konnte auch ein regelrecht entspannendes Gefühl von Freiheit, Abenteuerlust und Frohsinn einsetzen. Offenen Herzens, weiten Geistes und einer fast überreizten Nase lief Rattikarl dahin und machte sich denn nun auf die Suche nach seiner Tante.

In den nächsten Stunden lief er über einen dicht mit Laub bedeckten Waldboden, von dem riesige Bäume emporwuchsen. Er mochte keinen der Bäume besteigen, so lang er noch nicht wieder hundertprozentige Kontrolle über seinen Gleichgewichtssinn hatte, das hätte schließlich tödlich ausgehen können und nachdem er nun so weit gekommen war, war sterben das Letzte was er wollte.
Rattikarl sah einen kleinen Vogel auf dem Boden brüten und dachte bei sich welch ein Glück er doch hatte, da musste er nach seinem Futter nicht mal suchen, es tauchte einfach so vor ihm auf. Er verscheuchte das kleine Vögelchen, welches daraufhin einen ziemlichen Krach machte.
Aber es war melodischer Krach – was war von einem kleinen Vögelchen auch anderes zu erwarten – und das machte Rattikarl noch glücklicher. Er musste jedoch zugeben, dass es ein eigenartiger Schlag des Schicksals für das Vögelchen war, ein Ei zu verlieren und dem Räuber mit seinen Schimpftiraden auch noch Freude zu bereiten.

Nach seinem ersten köstlichen Mahl auf dieser, seiner Heimat so fernen, Insel machte sich Rattikarl auf die Suche nach einem bekömmlichen Getränk.
Auf einer Lichtung, von der man schon das blitzen und glitzern des Waldrandes erahnen konnte, lag ein vorteilhaft geformtes Blatt auf dem Boden, auf dem sich Regenwasser gesammelt hatte. Auch das Wasser war sehr delikat, denn es hatte eine Würze die sich leicht von der heimatlichen unterschied.

Frisch gestärkt ging es also weiter auf der Suche nach seiner Tante.
Da Rattikarl erstmal genug vom Wald hatte schlenderte er, zu einer schnelleren Gangart konnte er sich mit einem vollen Bauch nicht bewegen, in die Richtung aus der das Glitzern kam.
Angekommen musste er erst einmal mit offenem Mund stehen bleiben. Vor seinen Pfoten ging es sicherlich vier Meter steil hinab doch hinter diesem Steilhang erstreckte sich eine Hügellandschaft von nie erahnter Schönheit. Das Gras wogte in einem sanften Wind und die wellenförmigen Hügel bereiteten ihm allein beim Hinschauen die größte Freude.
Am liebsten wollte er, ungeachtet seines vollen Magens, den Hügel hinauf laufen und den Ausblick, der sicherlich umwerfend und eine, für ein Rattengehirn, unfassbare Weite darbieten musste, genießen, doch zu seinem Erschrecken erkannte er direkt unter sich (das heißt natürlich auf dem Boden, der sich vier Meter unter ihm erstreckte) zwei riesige Vögel.
Diese Vögel waren knapp einen ganzen Meter hoch.
Was für Monstren das sein mussten. Sicherlich würden sie keine Sekunde zögern ihn aufzufressen, sobald sie ihn entdeckten.
Kein Wort aus dem Brief seiner Tante war diesen grauen erregenden Riesenvögeln gewidmet, das wusste er genau. Wie konnte sie nur so unvorsichtig sein. Wäre nur ein wenig schneller gegangen, wäre er vermutlich nicht nur einen vier Meter messenden Abhang hinunter gefallen, sondern sogleich noch von so einem schockierend großen Moloch zerrissen worden.
Rattikarl widmete soviel Dankbarkeit wie er in diesem Moment aufbringen konnte dem Vögelchen und den Regentropfen, die ihn so wohlig gefüllt hatten. Zwei Blicke zu beiden Seiten zeigten ihm zwei Wege auf, auf denen er sich von dieser Gefahrensituation entfernen konnte, doch nur einer der beiden Wege würde ihn auch zu dem wunderbaren hohen Hügel führen, den er trotz dieses Traumas nicht vergessen hatte.
Also ging er rechts an der Kante des Steilhangs entlang, die sich in absehbarer Entfernung mit dem Boden vereinigen würde. Sobald sich Boden und Kante nah genug gekommen waren um hinunter zu springen, rollte er sich den nun mehr sechzig Zentimeter hohen Abhang runter und lief so schnell es ihm möglich war auf den Hügel zu.

Leider war das Gras überall so hoch, dass er kaum sehen konnte wo er hinlief. Mit ein wenig Mühe – wenn er keinen Ansatz mehr sah, so biss er alle Grashalme um, um sich ein Sichtfenster zu schaffen – schaffte er es bis zum Gipfel des Hügels. Dort erwartete ihn eine Aussicht, die er sich in seinen kühnsten Träumen nicht vorzustellen wagte. Nichtsdestotrotz ernüchterte ihn das was er sah. Er sah den Wald aus dem er kam und auf der anderen Seite sah er nichts als Hügel. Es waren so viele, dass er ihre Zahl nicht kannte.

Gut das sollte bei einer Ratte nichts allzu Besonderes darstellen, jedoch lebte Rattikarl in jungen Jahren bei einem Mathematiker, der allzu Weltfremd war um sich der Rattenplage in seinem Haus zu entledigen.
Rattikarl wusste zunächst nicht was er von nun an machen sollte, denn er wollte nicht so viele Hügel besteigen. Weiter hinten jedoch, zwischen dem Gebiet aller Hügel und dem des Waldes, entdeckte er einen kleinen Durchgang. Rattikarl hätte ihn „Schlucht“ tituliert aber im Prinzip war es nur ein kleiner Durchgang. Das war sein erklärtes nächstes Ziel entschied er viertelherzig und legte sich für diesen Tag jedoch schlafen.

Am nächsten Morgen machte er sich mit neuem Elan auf den Weg und kam nach einer Ewigkeit mutenden Stunde an. Der Durchgang sah sehr labil aus und soweit Rattikarl gehört hatte, durfte man an solchen Felseinschnitten keine lauten Geräusche von sich geben, da sonst die Gefahr bestünde, von herabfallenden Felsmassen begraben zu werden. Rattikarl nahm sich das sehr zu Herzen und stahl sich wie ein Geist durch die Felsspalte.

Auf der anderen Seite angekommen, glaubte er seine Augen wollten ihm einen Streich spielen.
Vor ihm erstreckte sich ein Tal von unvergleichbarer Schönheit, überall wuchsen die schönsten und verschiedensten Pflanzen. Große, in allen Farben blühende Blumen waren über die Gesamtheit des Tals verteilt und alle strahlten sie wunderliebliche oder wunderwürzige
aber in jedem Fall wunderreizvolle Gerüche aus. Kleine Sträucher oder große Bäume wuchsen an allen Flecken gen Himmel und ließen, ganz gemäß des Spruchs: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, ihre Früchte oder Nüsse auf den Boden fallen. Es gab kleine
Fels-Arrangements von glatten Steinen, welche ins Bild passten als hätte ein Garten- und Landschaftsarchitekt sie eingesetzt.

Wieder einmal machte das kleine Herz fast schlapp und Rattikarl sah schon schwarze Flecken in diesem wundervollen Anblick. Doch sein Herz erinnerte sich schnell wieder an die Aufgabe, die ihm seit seiner Geburt zugeteilt wurde. Rattikarl war so geplättet von all den Eindrücken, dass er fünf lange Minuten einfach die Pfoten von sich streckte und durchatmete.
Jeder der ihn in diesem Zustand gesehen hätte, hätte annehmen müssen, dass diese Ratte kürzlich verstorben sein musste.
Ein heftiges Knurren in der Magengegend ließ ihn aus der lethargischen Phase aufwachen und ihn sich an das Wesentliche erinnern.
Es war offensichtlich nicht schwer hier etwas zu Futtern zu finden und so lief er los um von jedem Baum eine Frucht oder eine Nuss zu einem der Fels-Arrangements zu bringen, auf dem er sein Mahl dann genießen wollte.
Er füllte seinen Magen mit den wunderbarsten Köstlichkeiten, die er je auch nur angefasst hatte und verharrte mit einem viel zu vollen Bauch auf der Stelle wie eine Echse beim Sonne tanken. Er hatte soviel gegessen das ihm schlecht wurde und er hätte sein linkes Ohr gegeben, wenn er sich nur hätte übergeben können, aber das wusste er war leider nicht möglich (Ratten können sich aus anatomischen Gründen nicht übergeben).

Aus buchstäblich heiterem Himmel kam ein zerrender Wind auf, der auch gleich einige dunkle Wolken mitbrachte. Rattikarl war also gezwungen, sich trotz der Widrigkeiten, die sich in seinem Bauch abspielten, einen Unterschlupf zu suchen. Glücklicherweise konnte er einfach unter seinem Picknickplatz einen Felsunterstand ausmachen.

Gerade als er seinen schweren Bauch in eine halbwegs angenehme Position gebracht hatte brach ein äußerst schweres Unwetter los. Es regnete sehr stark und Blitze zuckten überall. Auf jeden dieser Blitze folgte ein ohrenbetäubender Knall, dass Rattikarl sein rechtes Ohr gegeben hätte, wenn er noch vor ein paar Momenten wahrhaftig sein linkes Ohr gegen die Fähigkeit sich zu erbrechen eingetauscht hätte. Das Unwetter wollte gar nicht aufhören und so langsam wurden seine Pfoten nass. Sobald das Wasser bis zu seinen Knöcheln reichte, so schwor sich Rattikarl, dann würde er einen Ort aufsuchen der nicht so tief im Tal lag wie dieser, an dem er sich befand.
Er musste seinen Schwur auch kurz danach einhalten, denn das Wasser stieg sogar schneller als erwartet. Aus Angst getrieben, flitzte er auf flinken Pfoten, seine Bauchschmerzen musste er ignorieren, bergauf in der Hoffnung einen geeigneteren Zufluchtsort zu finden.

Zufällig traf er auf genau die richtige Stelle, denn ein verirrter kleiner Vogel flog dicht über seinem Kopf entlang auf eine Felswand zu, die in erreichbarer Höhe eine kleine Höhle enthielt. Rattikarl machte sich keine Gedanken über die moralisch verwerfliche Tat die ganze Vogelfamilie raus zu schmeißen, denn er wollte schließlich seine eigene Haut retten.
In der Höhle war es gemütlich und warm, denn die Vögel hatten sie vorgewärmt und ein polsterndes Nest hineingebaut. Vor Erschöpfung schlief Rattikarl nun ein.

Am nächsten Tag kroch Rattikarl aus seiner Höhle um seine Umgebung zu inspizieren und stellte mit erschrecken fest, dass alles was einmal schön und bezaubernd war, nun zerstört und unter Regenwasserfluten versunken war.
„So ein Pech“, dachte Rattikarl und machte sich auf den Weg durch den Durchgang nach draußen zu kommen um sich einen anderen schönen Ort zu suchen.
Doch als er die Spalte erreichte, musste er feststellen, dass sie vollkommen unpassierbar verschüttet wurde durch einen Steinschlag, vermutlich ausgelöst durch heftigen Donner.
In tiefe Depression verfallen machte sich Rattikarl sodann auf den Weg, eine Möglichkeit zu finden aus diesem öden, hässlichen Tal herauszukommen. Doch alle Talwände waren steil, glatt und unpassierbar.
Alt 11. 11. 2007, 23:34 Stoertebeker is offline Mit Zitat antworten #5
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Hölze

Hölzer

Ein Sauwetter war das! Das Plankton wachte auf. Es fror. „Wo bin ich?“
hätte es sicher gedacht, wenn ein Plankton denken könnte. Es dachte
wohl eher etwas wie „...?“. Vor kurzem war es durch irgendwelche
neuartigen Strömungen aus seiner Lieblingswasserschicht heraus näher
an die Oberfläche getrieben worden. Und jetzt lag es da. Das Zeug
unter ihm fühlte sich definitiv nicht wie Wasser an. Wasser war...
weniger Hart. Und auch weniger eckig und uneben. Irgendwann hatte
jemand dem Plankton von wunderbaren Wesen, genannt Hölzer, erzählt.
Sie bereisten die Meeresoberfläche und erkundeten die abgelegensten
Flecken der Erde. Es hat vielleicht „Jetzt bin ich wohl auf so einem
Hölzer. Mal sehen wo ich da noch lande.“ gedacht. Vielleicht auch
nicht. Große Angst hatte das Plankton im Grunde auch nicht. Es fügte
sich einfach seinem Schicksal, denn ohne Beine hätte es sowieso nicht
von dem mysteriösen Hölzer herunterspringen können. Es fiel bald
wieder in die Kältestarre, aus der es zuvor erwacht war.

Es war kein Sauwetter mehr. Das Plankton wachte auf. Es fror ganz und
gar nicht. Um sich herum schillerte es in allen möglichen Blautönen
und Hölzer bewegte sich auch nicht mehr großartig. Das Plankton lag
ganz still da und lauschte dem neuen, sanfteren Brausen um sich herum.
Nach einer Weile ruckte es. Nicht stark, aber stark genug, das
Plankton vom Hölzer herunterzukatapultieren. Es landete relativ
unsanft auf dem Meeresboden, der jetzt aber im Grunde kein Meeresboden
mehr sein konnte, denn es spürte kein Meer mehr über sich. Es musste
wohl Meeresboden ohne Meer sein. Boden wohl.
Herunterkatapultiert, wie das Plankton war, musste es sich übergeben.
Es kotzte direkt vor ein Plankton neben ihm. „Entschuldigen Sie, tut
mir furchtbar Leid.“ Das Plankton schämte sich so, dass es errötete,
ohne überhaupt die biologischen Vorraussetzungen zum Erröten zu
besitzen. Die freundliche Antwort des Nachbarplanktons ließ auch nicht
lange auf sich warten. Es erbrach sich seinerseits. Die Lache zwischen
ihnen wurde größer und spritze beide voll. „Igitt!“, sagten sie. Ein
zweites mal, noch nachdrücklicher. Dann lagen sie wieder nur so herum.
In Ermangelung von Gliedmaßen fügten sie sich ihrem Schicksal und
ließen die Brühe auf ihren Planktonkörpern Brühe sein. Da lagen sie
nun und sahen sich an. Sie waren sich gleich sympathisch gewesen,
vielleicht würde das ja nochmal was werden. Sie begannen über die
Vorzüge des Walfangs zu diskutieren.


Dann vertrockneten sie in der Meeressonne.
Alt 11. 11. 2007, 23:36 Stoertebeker is offline Mit Zitat antworten #6
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Die Uhr und der Traum

Die Uhr und der Traum


Wir schreiben das Jahr 200 nach der Erbauung der einen Stadt.

Der Hof des Vaters.

Da spricht der Vater zum Sohn: „Gehe hinaus in die Welt und lebe
deinen Traum, denn unsere Zeit auf dieser Welt ist zu kurz um das
Leben nur zu träumen.“

So zieht der Sohn aus, zu Fuß, mit nur 10 Gulden Wegegeld, Proviant
für drei Tagesmärsche und dem wertvollsten, was er besaß, einer
Taschenuhr, golden wie der Sonnenaufgang, ein Erbstück aus besseren
Zeiten, in den Taschen.

Er marschiert Richtung Norden, zu der großen Stadt, in denen Laster
und Korruption herrschen und jeder ungefragt seinen Laster frönen
kann.

Der Weg ist schlecht. Der letzte Regen hat aus ihm einen Sumpf gemacht
und Befestigungen fortgeschwemmt.

Seine Stiefel sind durchnässt und vor der ersten Nacht schmerzen ihn
große, pilzartige Blasen, die mit seinem roten Blut prall gefüllt
sind, an den Füßen.

Die Kleidung klebt an seinem Körper. Er stinkt nach Schweiß und Erde.

Er geht weiter, denn sein Wille ist stark, sein Ziel noch klar.

An die Grenzen seiner Kraft getrieben stürzt er des Nachts auf den
sumpfigen Boden, etwas abseits vom sumpfigen Weg um zu lagern. Selbst
am Hof des Vaters wurde von grausamen Mördern und Räubern erzählt, die
dort nachts den ahnungslos Kampierenden meucheln und die Leichen den
Tieren zum Fraß vorwerfen.

Als Polster dient ihm ein Moosballen. Ein Bett, welches meiner nicht
würdig ist, denkt er, doch er entschindet erschöpft in seine
imaginativ hochstilisierten Träume über die eine Stadt.

Er marschiert weitere zwei Tage und sein Proviant, gepökeltes Fleisch,
die Schlachtung der Kuh schmerzte den Vater, da die Missernten der
vergangen Jahre nicht nur den finanziellen Spielraum und die Anzahl
der Knechte und Mägde, sondern auch das Vieh dezimiert hatten,
vergammeltes Brot, zwei lederne Därme voll mit Wasser aus dem großen
Brunnen am Hof des Vaters, von den Ahnen in Prunk erbaut, heute fast
baufällig.

Hungernd gelangt er am 5. Tag seiner Reise in die Stadt der Träume.

Das Babylon seiner Zeit.

Die große Stadt.

Die schwarze Stadt.

Die gottlose Stadt.

Bordelle die Tempel. Alkohol der neue Gott.

Die schwarzen Mauern standen fett und abweisend und ragten bis in die Wolken

Ohne eine Spur des Schadens. Felsenfest.

Feinde vergangener Zeiten waren mit Monstern und Zauberei gegen die
Mauern gerückt und an ihnen zerschellt wie ein ein Schiff, dessen
Kapitän so dumm oder mutig war sich der Stadt vom Seeweg aus zu nähern
und hoffnungslos an den Klippen unterging.

Er passiert das Tor und tritt in das Reich seiner Träume.

Betrunkene Körper begrüßen ihn, vollbärtige Männer, in der einen Hand
billiger Fusel, in der anderen betrunkene Prostituierte, von denen die
Stadt wimmelt.

Er geht die schmutzigen Straßen entlang in die erste Kneipe am Platz,
in ihr lautes, ausgelassenes Grölen.

An den runden, hölzernen Tischen, die aussehen, als ob sie aus dem
vorherigen Jahrhundert stammen, sitzen spielende Männer,
muskelbepackt, abgehärtet und betrügend.

Irgendwo klimpert ein Klavierspieler. Falsch und wirr.

Der Sohn bestellt sich ein Bier und bekommt einen Kübel voll vorgesetzt.

Ich bin im Paradies, denkt er und ruft sich ein kaum bekleidetes
Mädchen an den Tisch.


Die Tage vergehen.

10 Gulden.

Eine Woche lebt er seine Laster. Ist scheinbar glücklich.

Mit dem letzten Gulden deckt er sich mit billigem Bier und Schnaps
ein, er betrinkt sich.

Unglücklich.

Ohne Geld, ohne Heimat, ohne Familie.

Verloren?

Der Alkohol ist nicht genug, er betäubt sich mit billigen Drogen, die
zuerst unter das Volk geworfen werden, einen schnell in den Bann
ziehen und einem dann im Wahn des Entzugs das letzte Geld, das letzte
Kleidungsstück, die letzte Würde vom Körper reißen.

Ja, verloren.

Er verkauft die Taschenuhr, seine letzte Erinnerung an die Heimat
seiner Vorfahren.

100 Gulden.

Ein Spottpreis für derartige Qualitätsarbeit, gefertigt von Meistern
des Fachs.

Mehr bekommt er nicht.

Doch er ist zufrieden.

Er kann seine Gier stillen.

Der Drache in ihm räkelt sich zufrieden. Er ist beruhigt. - Vorerst.

So vegetiert der Sohn dahin. Stunde um Stunde. Tag um Tag.

Die Stadt seiner Träume hat ihn umschlungen.

Schon stärkere Männer sind in der Umklammerung zersprungen, wie das
schwarze Glas zerschellt wenn die Betrunkenen es im Suff fallen
lassen.

In Minuten des klaren Geistes sieht er, dass er ein Leben führt,
welches er hassen würde, würde ihm jemand davon erzählen.

Er ist dann traurig.

Die Taschenuhr, golden wie der Sonnenaufgang in der schwarzen Stadt,
alleine, weit weg von ihm.

Die Taschenuhr.

Dieser Gedanke brennt wie ein Feuer in ihm, lässt ihn, unbewaffnet,
schmächtig und klein gegen den Drachen kämpfen.

Er versucht der Stadt zu entfliehen.

Vergeblich.

Er verfällt dem Spiel, setzt hoch, verliert viel, denn er kann nicht
klar denken.

Er sieht den silbernen Mond hinter den fetten Mauern.

Wie die Uhr. Nur silbern.

Die Taschenuhr.

Er würde töten für sie.

Er sucht nach der Uhr, sucht den Mann, dem er sie verkauft hatte. -
Findet niemanden.

Er tötet für sie.

Er sucht scheinbar Jahre nach der Uhr, die Stadt ist groß, die
Schatten schwarz und die Verstecke gut.

Die Taschenuhr hat den Besitzer gewechselt.

Keiner schien lange mit ihr glücklich zu sein.

Soviel erfuhr er auf seiner Suche.

Die Drogen, der Alkohol, all seine Begierde sind erloschen.

Der Wahn war seine Kraft.

Dieser hat den Drachen gezähmt. Beherrscht ihn.

Er gewinnt Geld, denn er hatte gelernt zu spielen, er hatte gelernt
die Betrunkenen auszunehmen wie die Aasgeier den Törichten, der sich
in die verdorrten Wüsteneben jenseits der Berge traut.

Doch er spielte nicht mehr weil es sein Laster war, er spielte weil er
musste.

Er spielte. - Um das Überleben. Aber nicht nur sein eigenes.

Er kaufte verzweifelte Leute, Männer, Frauen, Mädchen, von der
Umklammerung der Stadt frei.

Er sorgte sich zum ersten Mal in seinem Leben um andere.

Zum ersten Mal.

Eines Nachts, der Mond wachte silbern über der Stadt und verstärkte
die geisterhafte Atmosphäre, ging der Sohn in sich.

Er bereute sein Handeln.

Zum ersten Mal.

Er dachte an die Zeit in der Stadt seiner einstigen Träume.

Sie korrumpiert den Geist, denkt er, ist schlecht.

Er geht in Richtung des massiven Tors.

Er lässt von seinem Ziel ab.

Er will die Stadt verlassen. Kann er es, obgleich er die Uhr nicht
wieder gefunden hat?

Er gibt die Uhr auf.

Der Weg ist dunkel.

Als er um die Ecke der Straße biegt, lacht ihn das Gold des
Sonnenaufgangs an.

Mitten in der Nacht.

In der schwarzen, dunklen Stadt.

Die Taschenuhr lacht ihn aus einer dunklen Pfütze heraus an.

Er hat sie wieder.

Der Sohn nimmt die Uhr, wickelt sie behutsam in ein weißes Tuch ein.

Die Tore der Stadt sind offen.

Er verlässt die Stadt.

Glücklich.

Er sieht sich nicht einmal um.

In Ekstase geht er zum Hof des Vaters, marschiert Tag und Nacht.

Weder die Räuber noch die Mörder ängstigen ihn mehr.

Der Hof des Vaters.

Verlassen.

Trauer.

Nur noch das Grab des Vaters.

Der Sohn kniet sich hin.

„Ja Vater, jetzt lebe ich meinen Traum, den Traum meiner Ahnen“
Alt 12. 11. 2007, 00:06 Stoertebeker is offline Mit Zitat antworten #7
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Die Berater

Die Berater

Es ist ja nicht so, dass ich etwas gegen ein ereignisreiches Leben einzuwenden hätte, ganz und gar nicht. nur warum müssen sich immer alle erfreulichen und lästigen, aber nichts desto trotz allesamt wichtigen Ereignisse irgendwo treffen, um dann mit geballter Macht und zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt über einen hereinzubrechen.
Jeder kennt doch das Gefühl: Das heiße Date klingelt eine Viertelstunde zu früh an der Tür und man selbst sitzt gerade noch auf dem Klo und hat eben festgestellt, dass kein Klopapier mehr da ist.
Nun, in einer solchen Situation befand ich mich gerade. Heute, Samstag Abend, wenige Stunden vor Beginn der Party. Der Knaller der Saison mit dem besten Bier und der besten Musik weit und breit. Selbstverständlich ging jeder hin. ... Fast jeder. Meine Freundin hatte sich in den Kopf gesetzt, mich heute ins Kino zu schleppen, in diesen ach so romantischen neuen Film von diesem ach so begabten Jungregisseur. Der einzige Abend, an dem der Film lief. Natürlich ging es um die Spätvorstellung. Und natürlich war alles absolut freiwillig. Ich musste ja nicht mit, aber sie würde sich so freuen und so weiter und so weiter. Freiwillig, klar. Wenn ich anschließend mindestens eine Woche lang bei miesester Laune ertragen wollte.
Wenn nur nicht ausgerechnet heute diese Party stattfinden würde! Ein Blick auf die Uhr belehrte mich allerdings, dass ich nicht länger mit dem Schicksal hadern durfte. Eine Entscheidung musste her: die Frau oder der Spaß. Etwas Hilfe dabei wäre nicht schlecht gewesen.
»Was? Hilfe? Du brauchst Hilfe?«
Ich fuhr zusammen.
»Hey, nicht so wackeln. Man könnte meinen, du willst mich abschütteln.«
Auf meiner linken Schulter spürte ich ein ungewohntes Gewicht, und von dort kam auch die Stimme. Vorsichtig drehte ich den Kopf und sah da tatsächlich ein Männchen sitzen.
»Starr mich nicht so dämlich an. Ich bin echt.«
Ich glaubte ihm, denn auch im schlimmsten Vollsuff hätte ich mir keine solche Gestalt zusammen*fantasieren können. Sie war gerade einmal zehn Zentimeter groß, hatte ein hässliches Gesicht mit spitzen Ohren, einer enormen Nase und zwei kleinen Hörnern auf der Stirn. Gekleidet hatte sie sich in einen schwarz-roten Mantel, der an mehreren Stellen Brandlöcher aufwies.
»Teufel nochmal«, murmelte ich.
Die Gestalt machte einen Freudensprung und schnaubte eine Rauchwolke aus der Nase.
»Großartig. Auf den ersten Blick erkannt. Du bist ein schlaues Bürschchen.«
Das hatte mir gerade noch gefehlt.
»Verschwinde, ich habe heute schon genug Probleme.«
»Na, deshalb bin ich doch hier. Oder brauchst du keine Hilfe?«
Nein! Doch. Aber Hilfe von Teufelchen? Zumindest konnte ich mir ja anhören, was er zu sagen hatte.
»Was schlägst du vor?«
»Ist doch ganz einfach. Geh auf die Party.«
»Und was sage ich meiner Freundin?«
»Nun«, ein verschmitztes Rauchwölkchen verließ Teufelchens Nase, »sie wird das sicher verstehen, dass du niemals die Party des Jahrhunderts absagen kannst. Nimm sie einfach mit und ihr habt noch einen großen Haufen Spaß.«
Das klang gar nicht so übel. Doch bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, spürte ich ein neues Gewicht auf meiner rechten Schulter, und ein helles Stimmchen peinigte mein Ohr: »Pass auf, der will dich hinters Licht führen!«
Mit einer bösen Vorahnung drehte ich den Kopf und tatsächlich saß da eine zweite Gestalt. Blondgelockt, mit einem schon fast unirdisch schönen Gesicht und zwei großen Flügeln auf dem Rücken, die langsam hin und her schlugen und sich dabei immer mehr in den strahlend weißen Gewändern verhedderten.
»Engelchen«, stöhnte ich.
»So ist es. Meinst du wirklich, ich könnte es einfach so hinnehmen, dass dich dieser Rüpel da drüben ins Unglück stürzt?«
»Er ist hier, um mich zu beraten.« Selbst in meinen eigenen Ohren klang dieser Protest reichlich lahm. Die Reaktion folgte auf dem Fuß.
»Beraten, papperlapapp. Das ist Teu-fel-chen, hallo! Was der dir rät, endet jedesmal in einer Katastrophe.«
»Sag doch gleich Apokalypse«, fauchte Teufelchen von der anderen Seite, sprang auf und stemmte die Fäuste in die Hüften. »Du hast doch keine Ahnung. Den ganzen Tag nur Harfe klimpern und Manna futtern. Ist doch kein Wunder, dass dir der Blick für die Realität abgeht.«
»Höllenfeuer schüren und arme Seelen quälen ist also besser, wie? Realitätsnäher, ja? Dass ich nicht lache.«
Teufelchen schnaubte. Ein tiefschwarzer Rauchfaden kräuselte sich aus einem Nasenloch. Doch dann atmete er geräuschvoll (und rauchfrei) aus, machte einen Schritt vorwärts und klopfte mir aufs Ohrläppchen.
»Wir sind doch hier, um zu helfen. Also sollten wir nicht streiten.«
Engelchen nickte eifrig »Natürlich nicht.« und fuhr zu mir gewandt fort: »Liebst du sie?«
Sollte das eine Fangfrage sein? Ob Engel oder Teufel, immerhin kannte ich keinen von beiden. Da sollte man lieber etwas misstrauisch sein. Wer weiß, welche Ziele die beiden wirklich verfolgten.
Das ungeduldige Flappen der Engelsflügel erinnerte mich daran, dass wohl eine Antwort von mir erwartet wurde.
»Was für eine Frage! Natürlich liebe ich sie.«
»Siehst du«, Engelchen klatschte begeistert in die Hände. »Und findest du nicht, dass die Frau, die du liebst, wichtiger ist als ein bierseliger Partyabend, der sich doch jederzeit wiederholen lässt?«
Das klang einleuchtend, doch Teufelchen ließ mir keine Zeit zum Nachdenken. Meine komplette linke Schulter war plötzlich in wütende Rauchwolken gehüllt.
»Das gibt’s doch nicht, ich sehe es dir an«, zeterte Teufelchens Stimme aus dem dichten Qualm. »Ihr Menschen seid doch alle gleich! Auf jeden himmlischen Quacksalber fallt ihr herein. Und seht euch an, wo ihr damit hingekommen seid.«
»Bitte, wir wollen doch jetzt keine Grundsatzdiskussion anfangen«, piepste es von rechts.
»Also das ist doch ...« Die Rauchwolke verdunkelte sich merklich. »Wer ist denn ungefragt mit haltlosen Anschuldigungen hier reingeplatzt? Jetzt tu du bloß nicht so heilig.«
Engelchen richtete sich zu seiner vollen Größe auf, breitete die Flügel weit aus und strahlte noch ein bisschen heller.
»Ich bin heilig«, erklärte es würdevoll. Das schien Teufelchen aus dem Konzept zu bringen. Die Rauchwolke löste sich auf und gab den Blick frei auf Teufelchen mit tief zerfurchter Stirn.
»Ach ja, stimmt ja«, hörte ich ihn murmeln.
Engelchen nutzte die Chance sofort und sprudelte los: »Überlege doch, wie das wirkt, wenn du jetzt wegen ein paar Bier absagst. Eine Party, die dir wichtiger ist als deine große Liebe? Na, wenn sie dir das übel nimmt, darfst du dich nicht wundern.«
»Und meinst du, es ist so einfach, eine geniale Party sausen zu lassen und sämtliche Bekannten zu enttäuschen, nur weil die Dame eine Schnulze sehen will?«
Wir machten Fortschritte, stellte ich fest. Immerhin hatten meine beiden Helfer gerade die Sachlage erkannt.
»Das sieht dir wieder ähnlich«, schimpfte Engelchen, »Dieses kurzsichtige Partydenken. Genau deswegen ist eure Hölle ein solcher Saustall. Kein Blick für bleibende Werte. Warum glaubst du, will keiner nach seinem Tod in die Hölle?«
»Bei der aggressiven Propaganda, die ihr seit zweitausend Jahren veranstaltet, ist das doch kein Wunder. Aber alles leere Versprechungen, sage ich.«
Teufelchen wandte sich mit wütend glühenden Hörnern an mich.
»Glaub mir, diese ach so tollen Wolken sind in Wirklichkeit der letzte Mist. Nasskalt, zugig und nicht mal ein Geländer. Ständig hat man Angst heruntergeweht zu werden. Und dann die Ausstattung! In der Hölle kriegt jeder einen schönen warmen Ofen, aber da oben! Keine Heizung, kein eigenes Bad, kein Fernseher, keine Minibar. Nur so eine dämlich Harfe.«
Auf meiner Schulter flatterte Engelchen mit knallrotem Kopf auf und ab, seine Lippen bebten und die Hände ballten sich ständig zu Fäusten. Teufelchen verschränkte zufrieden grinsend die Arme vor der Brust.
»Siehst du, so sind sie. Nach außen strahlend perfekt, dass einem alles weh tut. Aber wehe, es sagt einmal jemand die Wahrheit, dann bleibt ihnen gleich die Luft weg. Hör auf mich und lass dich von dem falschen Gesindel nicht beeinflussen.«
Engelchen hatte sich inzwischen wieder in der Gewalt. Zwar hingen ihm die Locken wirr ins Gesicht und die Flügelspitzen zitterten noch in verhaltener Wut, aber seine Stimme hatte es wiedergefunden.
»Infamer, ungeheuerlicher Rufmord ist das! Aber was soll man von Teufeln anderes erwarten. Wie viele Menschen habt ihr schon mit den klein gedruckten Fußangeln in euren Verträgen um ihre Seele gebracht. Und dann mir unehrliche Propaganda vorwerfen, das passt wieder. Wie willst du eigentlich mit solchen Vorstellungen von Recht und Moral einem Menschen Rat geben?«
Nicht, dass so eine Diskussion zwischen Himmel und Hölle uninteressant gewesen wäre. Nur brachte mich das einer Lösung nicht näher. Deswegen räusperte ich mich betont.
»Ähm, hallo? Seid ihr nicht beide hier, um mir zu helfen?«
»Aber natürlich.«
»Klar doch, Mann.«
»Wäre es dann nicht eine ganz gute Idee, sich erstmal auch mit meinem Problem zu beschäftigen?«
Engelchen lugte zu Teufelchen hinüber, Teufelchen zurück zu Engelchen.
»Einverstanden«, verkündeten dann beide wie aus einem Mund.
Teufelchen klopfte mir wieder kumpelhaft aufs Ohrläppchen.
»Glaube mir, ich weiß, wie wichtig eine Party sein kann. Die da oben mit ihren konser*vativen Ansichten könnt gar nicht mitreden. Sagt man nicht, Beziehungen kommen und geben, aber wirklich dauerhaft sind dagegen Freundschaften?«
Er schwang sich von meiner Schulter auf den Schreibtisch, wo er mit schweren Schritten und erhobenem Zeigefinder auf und ab stolzierte und dabei eine Spur grauer Rauchwolken hinter sich her zog.
»Was sagt uns das?«
Er blickte mich auffordernd an. Die Chance, etwas zu sagen, ließ er mir jedoch nicht.
»Das sagt uns: Deine Beziehung liegt so oder so in den letzten Zügen. Früher oder später zofft ihr euch dermaßen, dass es nichts mehr zu retten gibt. Und dann stehst du da, ohne Freundin, und hast zu allem Unglück auch noch deine besten Kumpels enttäuscht. Und davon mal abgesehen«, Teufelchen blieb stehen und zwinkerte mir vertraulich zu, »es gibt so viele hübsche Mädels. Du bist doch auf die eine absolut nicht angewiesen.«
Irgendwie hatte Teufelchen etwas unglaublich Überzeugendes an sich. Ich wollte ihm schon fast auf ganzer Linie recht geben und mich bedanken, wäre da nicht Engelchen von meiner Schulter auf den Tisch geflattert und hätte energisch zu protestieren begonnen.
»Lass dich doch nicht so leicht beeindrucken. Früher oder später, ha! Ob früher oder vielleicht gar nicht, das liegt ganz an dir.«
Engelchen stemmte eine Faust in die Hüfte und zeigte mit der anderen Hand anklagend auf Teufelchen.
»Ein Teufel rät dir niemals, was dir nützt. Das ist ein Jahrtausende altes Gesetz.«
Teufelchen fluchte markerschütternd und schnaubte Engelchen eine dicke Rauchwolke ins Gesicht.
»Da wäre noch ein zweites Gesetz: Ein Engel rät dir niemals etwas, das Spaß macht. Konservative Moralapostel sind sie, die ganze Bande. Nicht ein winziges bisschen kompetent, wenn es um Beziehungen geht.«
»Da lache ich doch. Ihr Teufel und eine Ahnung von Beziehungen? Lächerlich! Alles, was über den Morgen nach der Party hinausgeht, übersteigt doch euren Horizont.«
Die beiden standen sich auf dem Schreibtisch gegenüber wie zwei schießwütige Cowboys kurz vor dem Duell. Die grauen Rauchschwaden über der Szenerie unterstrichen diesen Eindruck noch zusätzlich.
»Jetzt tu nicht so großartig«, fauchte Teufelchen. »Ihr mit eurer Ehe und diesem ›Treue bis in den Tod‹-Blödsinn. Als hätte das etwas mit zeitgemäßer Partnerberatung zu tun. Ihr treibt doch die Menschen geradezu in ihr eigenes Unglück. Aber das dann als Voraussetzung für die Aufnahme in den angeblich so tollen Himmel hinstellen, der nichts als Marketing-Gefasel ist. Hinterhältig nenne ich so etwas. Geradezu kriminell.«
Engelchen rümpfte mit einem Blick auf Teufelchen die Nase, drehte sich dann zu mir und blickte mich entschuldigend an: »Verzeih ihm, er ist so erzogen worden und kann nicht anders. Das Leben unter lauter Teufeln verdirbt den besten Charakter. Nicht dass ich behaupten möchte, Teufelchen hätte jemals...«
»Frechheit! Unverschämtheit! Von einem Engel, das ... das muss ich mir nicht bieten lassen!«
Teufelchen wirbelte zu mir herum: »Findest du nicht auch, dass dieses Leuchtglühwürmchen für jedes Drahtseil von Geduldsfaden zu viel ist?«
In diesem Moment klingelte das Telefon. Teufelchen fuhr herum. Engelchen machte einen Satz rückwärts. Ich Griff langsam nach dem Gerät und warf einen Blick auf das Display: »Meine Freundin...«
»Ha!«, machte Teufelchen.
»Na, dann«, flötete Engelchen.
»Du weißt, was du ihr zu sagen hast«. Teufelchen hielt mir beide Fäuste mit fest eingeklemmten Daumen entgegen. »Viel Glück, Mann.«
Und mit einem Puffen löste er sich in eine Rauchwolke auf.
Engelchen winkte mir zu: »Es war ein Vergnügen dir zu helfen.«
In einem hellen Leuchten verschwand es, und ich saß da, sprachlos, mit dem klingelnden Telefon in der Hand.
Alt 12. 11. 2007, 00:08 Stoertebeker is offline Mit Zitat antworten #8
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Einer ist immer der Erste

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Lucius kam es so vor, als müsse sein Schädel jede Sekunde explodieren. Es goss in Strömen und der Regen hämmerte unerbittlich auf seinen Helm. Am Morgen war er mit verquollenen Augen, Triefnase und pochenden Kopfschmerzen aufgewacht. Er hoffte, dass es sich nur um eine einfache Erkältung handelte, aber wer wusste schon, was man sich hier am Arsch der Welt so alles einfangen konnte.
Sie marschierten momentan durch sumpfiges Gelände und der unaufhörliche Regen hatte den Boden tief und schwer werden lassen. Unter Flüchen kämpfte er sich vorwärts, befreite seine Füße mühsam aus der eisigen Umarmung des zähen Schlamms, nur um sie in der nächsten Sekunde wieder in das aufgeweichte Erdreich zu versenken. Seine Rüstung starrte vor Schmutz, Tunika und Paenula waren völlig durchnässt und rieben unangenehm auf der Haut. Die Tibialia hingen in bemitleidenswert Fetzen von seinen Beinen, sodass Füße und Unterschenkel beinahe vollständig der Witterung ausgesetzt waren. Er fror jämmerlich, doch war das Nichts im Vergleich zu dem, was er, beziehungsweise das Fußvolk im Allgemeinen, Nacht für Nacht durchmachen musste.
Sobald es dunkel wurde, errichteten sie ihr Feldlager und versammelten sich stumm um die wenigen Feuer, die Regen und nasses Holz zu trotzen vermochten. Während sie im Gleichtakt bibberten, fing der nasse Stoff dampfend an zu trocknen. Im Lager verbreitete sich dann ein unvergleichliches Odeur, eine bestialische Mischung aus Schweiß, nassem Hund und rostigem Metall. Anfangs hat ihm dieser Gestank noch die Tränen in die Augen getrieben, doch inzwischen war er Lucius so vertraut, dass er gar nicht wusste, ob er ohne diesen Lagermief überhaupt noch einzuschlafen vermochte.
Wenigstens entkomme ich so für ein paar Tage dem Gestank. Vielleicht hat diese verfluchte Erkältung ja sogar ihr Gutes.
Kurz huschte ein grimmiges Lächeln über sein Gesicht, das aber genauso schnell wieder verflog, wie es gekommen war. Fahrig wischte er sich den Rotz am verkrusteten Ärmel seines Mantels ab und kehrte damit endgültig in sein gegenwärtiges Elend zurück. Er horchte in seinen Körper hinein, um sich wenigstens kurz vom infernalischen Getrommel des Regens abzulenken.
Kopfschmerzen und laufende Nase hin oder her, ein anderes Körperteil bereitete ihm plötzlich weit größere Sorgen. Während er hingebungsvoll in seinem Leid geschwelgt hatte, war es ihm irgendwie entgangen, dass seine Zehen aufgehört hatten, zu schmerzen. Bisher hatten sie ihn bei jedem Schritt mit stechenden Schmerzen gepeinigt, doch jetzt herrschte selige Ruhe. Das war schlecht, sehr schlecht sogar. Er fürchtete, dass diese Taubheit ein Anzeichen für Erfrierungen sein könnte.
Jupiter, ich flehe dich an, lass es keine Erfrierungen sein. Bin ich nicht schon genug gestraft? Sie mich an! Ein Esel inmitten unzähliger anderer Esel, unterwegs in unbekannten Gefilden, mitten ins dunkle Herz des Feindes. Und alles nur, weil so ein romanisierter Barbar dem geistig umnachteten Oberesel wirre Flausen in den Kopf gesetzt hat. Reicht dir das nicht? Sollen mich die Metzger im Lazarett auch noch zum Krüppel machen? Ist es das, was du willst?
»Hier Lucius, nimm einen Schluck. Du siehst aus als könntest du’s gebrauchen.«
Ein Trinkschlauch tauchte ihn Lucius Gesichtsfeld auf, den er ohne nachzudenken ergriff. Er öffnete den Verschluss und goss sich die trübe Flüssigkeit in den Rachen. Wie Feuer rann sie seine Kehle hinab und er hatte schwer damit zu kämpfen, das dämonische Gebräu in seinen Eingeweiden zu behalten. Prustend und hustend gab er den Schlauch zurück.
»Bei Plutos haarigen Eiern, willst du mich umbringen, Rufus? Was ist das für ein übles Gesöff und wie bist du da überhaupt rangekommen, hier, mitten im Nirgendwo?
Rufus antwortete nicht sofort, er war viel zu sehr mit Lachen beschäftigt. Als er sich wieder einigermaßen gefangen hatte, fing er glucksend an zu sprechen:
»Dein Gesicht, bei den Göttern du hättest dein Gesicht sehen sollen! Allein dafür hat sich dieser kleine Spaziergang in die Wälder schon gelohnt. Ich hab keine Ahnung, was das ist. Ich tippe auf einheimischen Gerstenschnaps, es könnte aber auch vergorene Ochsenpisse sein. Ich weiß, es schmeckt grauslich, aber es wärmt die Knochen, wirst schon sehen.
Und was deine andere Frage betrifft … die wichtigste Regel für einen Legionär lautet: Such dir einen Freund beim Nachschub und halt ihn dir warm, egal was es kostet.
Wenn er saufen will, dann gibst du ihm einen aus, wenn er spielen will, dann lässt du ihn gewinnen, und wenn er deine Frau vögeln will, dann bindest du ihr eine Schleife ins Haar und bringst sie persönlich zu seinem Haus und zwar mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Kapiert?«
Lucius nickte und schloss die Augen. Rufus hatte recht, er fühlte, wie sich eine wohlige Hitze in seinem Körper ausbreitete. Selbst seine tauben Zehen erwachten zu neuem Leben, sprich: Sie fingen wieder an zu schmerzen. Er öffnete seine Augen und schaute dankbar auf seinen Retter in der Not.
Rufus musste wohl schon Mitte 40 sein, ein Soldat durch und durch, wenn er auch nicht unbedingt so aussah. Klein, das Gesicht größtenteils von einem wuschigen Bart bedeckt, sodass nur die klugen Augen und die lange Nase hervorstachen. Auf den ersten Blick schien er nur aus Haut und Knochen zu bestehen doch das täuschte. Auf dem zweiten Blick offenbarten sich die stahlharten, sehnigen Muskeln, die er sich in seinen langen Dienstjahren angeeignet hatte. Gesicht und Körper waren überzogen von einem feinen Geflecht aus Narben. Auch die gutmütige Art war nur eine von vielen Facetten. Lucius hatte mehr als einmal gesehen, wie sich die vorwitzigen Äuglein verdunkelten und etwas Kaltes, Berechnendes an ihre Stelle trat. Meist geschah dies kurz vor einem Kampf und Lucius konnte sich keinen Mann vorstellen, an dessen Seite er lieber ins Gefecht gezogen wäre. Er war froh, in Rufus Contubernium gelandet zu sein.
»Du hattest recht, das habe ich wirklich gebraucht. Ich danke dir.«
»Nichts zu danken, Junge. Dafür sind Kameraden doch da, oder nicht? So, und jetzt erzähl mal deinem alten Onkel Rufus, was dich bedrückt. Du läufst mit einem Gesicht herum, als hätte dir jemand in den Trinkschlauch gepisst.«
Unwillkürlich musste Lucius schmunzeln. Der alte Kauz war nicht nur ein launiger Gesprächspartner sondern auch ein sehr feiner Beobachter. Er überlegte kurz, bevor er zu einer Antwort ansetzte.
»Eigentlich ist es nichts. Meine Nase läuft, mein Kopf tut mir weh und ich friere mir meinen hübschen, römischen Arsch ab. Wie gesagt, eigentlich ist es nichts, nur…….«, er zögerte.
»Ja?«, fragte Rufus, die Augen aufmerksam auf sein Gegenüber gerichtet.
»Es ist nur … wie soll ich es sagen … ich habe das ungute Gefühl, das uns unser hochverehrter Legat mit offenen Augen in eine Falle führt und das drückt mir doch irgendwie aufs Gemüt, weiter nichts.« Rufus Miene veränderte sich kein bisschen, vielleicht trat ein klein wenig Spott in seine Augen.
»Das ist alles? Deswegen zermarterst du dir die kümmerlichen Reste deines aufgeweichten Hirns? Also wenn es dich beruhigt, ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass wir wie eine Herde dämlicher Schafe auf eine Falle der Barbaren zumarschieren. Das war mir schon vom ersten Augenblick an klar.«
Überrascht blickte Lucius auf. Er hatte eigentlich damit gerechnet, dass Rufus ihn als Phantasten, als jämmerlichen Angsthasen verspotten würde.
»Jetzt schau nicht so überrascht, Junge. Glaubst du etwa, du bist der Einzige mit Augen im Kopf und Grips in der Birne? Schon als dieser Germanenbengel Arminius ins Lager geritten kam, war mir klar, dass wir tief in der Scheiße stecken. Hinter seinem römischen Gehabe und feinen Manieren steckt immer noch ein blutrünstiger Wilder. Das kann jeder sehen, der Augen im Kopf hat. Er hat die Augen eines Wolfes und die Zunge eines Fuchses.
Varus und seine Speichellecker hingegen … nun ja … das Gemüt von Kühen und der Intellekt von Schafen würde es wohl am ehesten treffen.« Er machte eine kurze Pause.
»Das ist die zweite Faustregel des gemeinen Legionärs: Vorgesetzte sind immer Idioten und je höher der Rang, desto dümmer und inkompetenter werden sie.
Den Göttern sei dank, kommt es nicht auf diese Schwachköpfe an. Römer gewinnen ihre Schlachten durch Disziplin und überlegene Kampftechnik. Die ach so tollen Strategien, die sich die großspurigen Stabstrottel so fein säuberlich ausdenken, sind dabei völlig unerheblich. Beim ersten Feinkontakt wird sowieso jede Strategie zu Staub zerbröselt. Krieg ist nicht planbar!
Merk dir eins mein Junge: wir sind das Rückgrat des Reiches, nicht diese verweichlichten Patrizier, die fressen wie die Schweine und sich unentwegt das Hirn wegsaufen.«
Allen Anschein nach, hatte er sich jetzt richtig in Rage geredet.
»Sollen sie doch kommen, diese dreckigen Barbaren! Wir werden ihnen schon zeigen, was es heißt, sich mit echten römischen Legionären anzulegen. Wir werden in ihre lächerliche Falle tappen und sie dann unter unseren Sandalen zermalmen, wie das lästige Ungeziefer, das sie sind!«
Dann herrschte Schweigen. Lucius wusste nicht, was er sagen sollte und Rufus hatte wohl alles gesagt, was er zu diesem Thema zu sagen gedachte. In kameradschaftlichem Schweigen schritten sie nebeneinander her, jeder mit den eigenen Gedanken beschäftigt.
Dieses kleine Intermezzo hat Lucius kurz Ablenkung verschafft, doch sein Kopf dröhnte immer noch, der Rotz lief weiterhin in Strömen und Rufus Gebräu ließ auch schon wieder in seiner wärmenden Wirkung nach. Und je stärker er sich auf das blecherne, hämmernde Geräusch konzentrierte, das der Regen auf seinem Helm verursachte, desto unerträglicher wurden seine Kopfschmerzen. Sie füllten bald seine ganze Welt aus. Alsbald konnte er sie sogar sehen. Blutrote Kreise, die im Rhythmus seines Herzschlages auf der Rückseite seines Augapfels pochten.
Lucius fühlte, wie die tastenden Finger des Wahnsinns langsam ihre Fühler in seine Richtung ausstreckten. Er musste etwas tun. Dieser Lärm musste ein Ende haben. Er löste den Lederriemen seines Helmes und nahm das eiserne Folterinstrument von seinem Kopf. Schon fühlte er sich erheblich besser. Vom Gewicht des Helmes befreit, ließen die Kopfschmerzen fast augenblicklich nach. Da er sowieso schon bis auf die Haut durchnässt war, machte ihm der Regen nichts aus. Im Gegenteil, er kühlte seine überhitzten Schläfen und verschaffte ihm weitere Linderung.
Und diese Ruhe, einfach himmlisch!
Zum ersten Mal seit vielen, vielen Stunden widmete er sich wieder seiner Umgebung. Sie marschierten momentan durch ein Stück urwüchsigen Waldes. Düster und bedrohlich ragten die Bäume in den Himmel und verschluckten große Teile des sowieso schon spärlichen Sonnenlichts. Das Unterholz war undurchdringlich. Dicht und großflächig mit Dornengestrüpp zugewachsen, würde jeder Meter darin zu einem Kampf werden. Nur auf dem schlammigen Pfad, den ihre Füße momentan zerwühlten, schien ein Vorankommen möglich.
Lucius beschlich ein ungutes Gefühl. Dieser Ort war perfekt für eine Falle. Die Barbaren konnten sich auf Bäumen oder im Unterholz verstecken und sie ihn aller Seelenruhe, einer nach dem anderen, mit Pfeilen spicken. Er ließ seinen Blick über die Bäume huschen.
Die zuvor undurchdringlichen Schatten schienen auf einmal vor undeutlichen Gestalten regelrecht zu wimmeln. Immer neue Schreckensbilder schälten sich aus dem Dunkel des Waldes. Jedes Knacken ließ ihn zusammenfahren.
Was war das!
Für einen Sekundenbruchteil meinte er ein Paar Augen gesehen zu haben, Augen, die auf ihn gerichtet waren. Er verwarf diesen Gedanken jedoch sofort.
Ich glaube echt ich werde verrückt. Ich muss aus diesem verdammten Wald raus, nein, besser noch, aus dem ganzen verfluchten Scheißhaufen namens Germanien!
Er zwang sich, unter Aufbietung der letzten kümmerlichen Reste seiner Willensstärke, Ruhe zu bewahren.
Du bildest dir das alles nur ein. Die Germanen sind viel zu blöd und undiszipliniert für so einen Hinterhalt. Hier ist nichts, verflucht noch eins!
Dennoch entschloss er sich, seinen Helm wieder aufzusetzen. Sicher ist sicher.
Er nestelte gerade an dem Verschluss herum, als ein Pfeil sich seitlich in sein Auge bohrte. Das Letzte, was er hörte, war das infernalische Geschrei, das von überall aus dem Wald ertönte und ohrenbetäubend über ihn hereinbrach. Seine Kopfschmerzen wuchsen kurz in ungeahnte Höhen, fanden aber dann ein abruptes Ende. Den eigenen Todesschrei bekam er schon nicht mehr mit.
Alt 12. 11. 2007, 00:14 Stoertebeker is offline Mit Zitat antworten #9
lilith1970
fowles styk
 
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Re: Die Ergebnisse des Herbst-Schreibwettbewerbes

Aaaahh, wie schön, sie sind ja doch schon da, welch angenehme Überraschung

Na, dann, ohne lang zu fackeln:


Steter Tropfen
Inhaltlich finde ich die super, mir gefällt diese Kritik an der Konsumgesellschaft und das aufzeigen des Werbelärms , auch daß mit der Sprache experimentiert wurde, gefällt mir gut.

Inhalt: 1
Sprache: 1-2
Stilistisch würde ich auf den ohne Mund tippen
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[Kein Titel] Groß Rosenburg, den 14. April 1899

Formulierungen "Anforschungen über ihre Persönlichkeit liefen in gähnende Leeren" oder "Erstaunt über den minimalistische Charakter des Mädchens" wirken ein bischen hilflos und aus der Geschichte läßt sich noch einiges mehr rausholen. Ansonsten finde ich sie gut, leider viel zu kurz gehalten. So wie die Geschichte begann, dachte ich, daß etwas schicksalträchtigeres geschehen würde, außer daß der Junge nur ein Gespenst sehen würde .
Wie gesagt, mit ein paar Sätzen zusätzlich und/oder besseren Ausführungen hätte man mehr Spannung und Stimmung erzeugen können.

Inhalt: 2
Sprache: 2-3
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Deppenalarm
Joa, ich mag die Geschichte, die Überschrift ist ein wenig deplaziert.
Ansonsten ist halt Sci-Fi-Fantasy der trivialen Art .

Inhalt: 2
Sprache: 1-2
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Rattikarls Reise
Och Mensch, wieso kein Happy End??

Originell, die Sichtweise aus der Rattenperspektive und man fängt an, den Rattikarl gern zu haben... der Autor soll gefälligst ein alternatives Ende anbieten!! . Ach und Neuseeland.. schwelg... ein paar Rechtschreibfehler sind drin, aber die sind sicher irgendwie durchgerutscht, so wie es scheint, alles in allem gefällt mir die Geschichte sehr gut, bis auf das Ende... menno!!


Inhalt: 1 (wenns noch ein Happy-End gibt )
Sprache: 1-2
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Hölzer
*lol*... auch hier: wieso eigentlich immer so ein tragisches Ende? Hehe, aber das scheint so die allgemeine Vorliebe mancher Schreiber hier zu sein, hab ich auch schon anderweitig gemerkt

Ach ja, die armen beiden Planktons.. Plankti... Planktone?? Lustig trotzdem

Inhalt: 1-2
Sprache: 1-2
(Das könnte ein Mirxxx sein, falls er mitgemacht hat)
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Die Uhr und der Traum
Hm.. hat echt gut angefangen, so ein bischen fantasymäßig, in schöner Sprache, um aber dann leider nachzulassen. Wir lesen in nur noch kurzen, z.T. Einwort-Sätzen seinen inneren Konflikt und am Ende seine wundersame Selbstfindung, auf welche die Geschichte dann leider reduziert wurde. Sehr schade drum.

Inhalt: 2
Sprache: 2-3
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Die Berater
Hehe.. irgendwie kommt mir diese Situation bekannt vor
Gut geschrieben, lustige Idee.

Inhalt: 2
Sprache: 2
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Einer ist immer der Erste
Ah, historische Erzählung... das ist ja auch mal was Neues , die Schlacht im Teutoburger Wald aus der Sicht eines vergrippten Legionärs... hehe, da ich auch grade (in den letzten Zuckungen) Grippe habe, ist mir der Mann sehr sympathisch.
Klingt für mich wie ein Romananfang (war da nicht jemand, der sowas einsenden wollte?), dafür aber muß noch einiges an der Sprache gefeilt werden. Wirkt ein klein wenig hölzern und grob, an andere Stelle merkt man aber schon deutlich, daß der Schreiber weiß, daß dies unbedingt vonnöten ist und es dann auch macht (die Beschreibung des Waldes z.B. fand ich sehr gut). Hat auf jeden Fall Potential.

Diese Formulierung: "Sobald es dunkel wurde, errichteten sie ihr Feldlager und versammelten sich stumm um die wenigen Feuer, die Regen und nasses Holz zu trotzen vermochten." ist falsch, nur so als Hinweis, richtig muß es heißen: Sobald es dunkel wurde, errichteten sie ihr Feldlager und versammelten sich stumm um die wenigen Feuer, die Regen und nassem Holz zu trotzen vermochten.

Inhalt: 1-2
Sprache: 2
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Alles in allem bin ich sehr begeistert, daß doch so viele mitgemacht haben und daß die Geschichten so verschieden und allesamt echt gut sind. Vielen Dank an Euch!
Alt 12. 11. 2007, 10:34 lilith1970 is offline Mit Zitat antworten #10